Authentisch, feinfühlig und erschreckend lebensnah
Rezension: "Dabei waren wir uns immer so nah" von Jette Kötschau
Inhalt: Merle, Henri und Katharina waren während ihrer Studienzeit unzertrennlich, aber das Erwachsenwerden hat sie auseinander driften lassen und es scheinen immer mehr Gemeinsamkeiten zu fehlen. Während jede von ihnen mit ganz eigenen Herausforderungen kämpft, wächst die Sehnsucht nach der Nähe, die sie einmal miteinander verbunden hat und die Trauer über die Distanz, die sich mittlerweile zwischen sie geschoben hat.
Erzählstil und Sprache: Das Buch ist aus drei Perspektiven geschrieben, die jeweils zeigen, in welcher Lebensrealität eine jede der drei Freundinnen lebt. Dadurch wird sehr nachvollziehbar, warum die Freundschaft der drei so still steht. Insbesondere die jeweiligen emotionalen Zustände einer jeden Freundin wird sehr klar dargestellt, ebenso wie die Suche nach Halt, Sicherheit und Stabilität, wie sie sie früher gemeinsam haben geben konnten. Jette Kötschau schreibt sehr ruhig, klar, ihre Sprache wirkt nie überladen oder künstlich poetisch, findet aber immer wieder Formulierungen, die Gefühle erstaunlich präzise greifbar machen.
Figuren: Die Figuren haben sich für mich überraschend echt angefühlt. In jeder von ihnen konnte ich mich auf die eine oder andere Weise wiederfinden, wenn auch unterschiedlich stark. Besonders nah war ich Merle und Katharina, während Henry für mich etwas distanzierter blieb. Am meisten berührt hat mich Merles Geschichte. Ihre Überforderung als junge Mutter wird schonungslos ehrlich beschrieben. Schlafmangel, die ungleiche Verteilung der Care-Arbeit, das Gefühl von Isolation und die Suche nach einer neuen Identität ergeben ein eindringliches Bild davon, wie belastend Mutterschaft sein kann. Hier wird sehr deutlich, dass die Autorin eigene Erfahrungen hat einfließen lassen (siehe Instagram Postings). Besonders gelungen fand ich, dass der Roman dabei aber nie einfache Antworten gibt. Merle liebt ihr Kind, hadert aber gleichzeitig mit ihrer neuen Rolle und den Umständen, unter denen sie Mutter geworden ist. Gerade diese Ambivalenz macht ihre Geschichte besonders glaubwürdig und für mich sehr nachvollziehbar. Auch Katharinas Entwicklung fand ich spannend. Ihre Erkenntnis, dass sie sich selbst und ihr Wunsch, Mutter zu werden wichtiger geworden ist als ihre langjährige Beziehung, hat mich wahnsinnig berührt. Es gab eine Situation, in der sie eine Ausstellung zu Ehren von Müttern besucht, da wurden ihre Emotionen so greifbar für mich, dass ich mit den Tränen kämpfen musste. Obwohl Henry mich emotional etwas weniger erreicht hat, gab es auch in ihrer Geschichte einige berührende Momente. Besonders die schwierige Beziehung zu ihrer Mutter hat sich sehr authentisch angefühlt. Aber auch die Momente, in denen sie das Haus ihrer Großmutter ausräumte, waren sehr feinfühlig beschrieben und haben mich abgeholt.
Themen: Die größte Stärke des Romans liegt für mich in seinen Themen. Es geht gar nicht um eine außergewöhnliche Geschichte, es gibt keine spektakulären Wendungen oder dramatischen Enthüllungen. Und das war auch der Plan, denn es geht ja um die leisen Veränderungen des Erwachsenenlebens, die uns alle irgendwann auf die ein oder andere Art einholen. Beruf, Partnerschaft, Mutterschaft, Trauer und persönliche Entwicklung sorgen dafür, dass Freundschaften oft eben nicht an einem großen Streit zerbrechen, sondern langsam unter der Last des Alltags leiser werden, das fand ich sehr authentisch und lebensnah. Gerade in den Momenten, in denen die drei Frauen die alte Nähe am dringendsten bräuchten, scheint sie am weitesten entfernt zu sein. Der Roman zeigt eindrucksvoll, dass Freundschaften nicht zwangsläufig an mangelnder Liebe scheitern, sondern oft daran, dass das eigene Leben und seine Wendungen immer mehr Raum einnimmt.
Fazit: Lediglich das Ende kam für mich etwas abrupt. Nachdem ich die Figuren über den gesamten Roman so intensiv begleitet hatte, hätte ich sie gerne noch ein Stück weiter auf ihrem Weg erlebt. Gleichzeitig passt genau dieser offene Schluss zum Thema des Romans. Er schreibt den Freundinnen kein fertiges Happy End vor, sondern überlässt die eigentliche Arbeit ihnen und auch den Leser:innen und Lesern, was es braucht, damit Freundschaft neu entsteht und schließlich bestehen bleibt, und das nicht durch eine einzige Aussprache, sondern durch all das, was danach kommt und in den Alltag passen muss. Kaum zu glauben, dass dies ein Debütroman ist. Jette Kötschau schreibt mit einer solchen sprachlichen Sicherheit und einer so feinen Beobachtungsgabe, dass die ihre Figuren wirklich außergewöhnlich nah und lebendig wirken. Der Roman nimmt alltägliche Lebensrealitäten ernst und zeigt, wie schmerzhaft, tröstlich und wertvoll Freundschaften sein können, auch wenn das Leben Menschen manchmal in ganz unterschiedliche Richtungen führt.
Inhalt: Merle, Henri und Katharina waren während ihrer Studienzeit unzertrennlich, aber das Erwachsenwerden hat sie auseinander driften lassen und es scheinen immer mehr Gemeinsamkeiten zu fehlen. Während jede von ihnen mit ganz eigenen Herausforderungen kämpft, wächst die Sehnsucht nach der Nähe, die sie einmal miteinander verbunden hat und die Trauer über die Distanz, die sich mittlerweile zwischen sie geschoben hat.
Erzählstil und Sprache: Das Buch ist aus drei Perspektiven geschrieben, die jeweils zeigen, in welcher Lebensrealität eine jede der drei Freundinnen lebt. Dadurch wird sehr nachvollziehbar, warum die Freundschaft der drei so still steht. Insbesondere die jeweiligen emotionalen Zustände einer jeden Freundin wird sehr klar dargestellt, ebenso wie die Suche nach Halt, Sicherheit und Stabilität, wie sie sie früher gemeinsam haben geben konnten. Jette Kötschau schreibt sehr ruhig, klar, ihre Sprache wirkt nie überladen oder künstlich poetisch, findet aber immer wieder Formulierungen, die Gefühle erstaunlich präzise greifbar machen.
Figuren: Die Figuren haben sich für mich überraschend echt angefühlt. In jeder von ihnen konnte ich mich auf die eine oder andere Weise wiederfinden, wenn auch unterschiedlich stark. Besonders nah war ich Merle und Katharina, während Henry für mich etwas distanzierter blieb. Am meisten berührt hat mich Merles Geschichte. Ihre Überforderung als junge Mutter wird schonungslos ehrlich beschrieben. Schlafmangel, die ungleiche Verteilung der Care-Arbeit, das Gefühl von Isolation und die Suche nach einer neuen Identität ergeben ein eindringliches Bild davon, wie belastend Mutterschaft sein kann. Hier wird sehr deutlich, dass die Autorin eigene Erfahrungen hat einfließen lassen (siehe Instagram Postings). Besonders gelungen fand ich, dass der Roman dabei aber nie einfache Antworten gibt. Merle liebt ihr Kind, hadert aber gleichzeitig mit ihrer neuen Rolle und den Umständen, unter denen sie Mutter geworden ist. Gerade diese Ambivalenz macht ihre Geschichte besonders glaubwürdig und für mich sehr nachvollziehbar. Auch Katharinas Entwicklung fand ich spannend. Ihre Erkenntnis, dass sie sich selbst und ihr Wunsch, Mutter zu werden wichtiger geworden ist als ihre langjährige Beziehung, hat mich wahnsinnig berührt. Es gab eine Situation, in der sie eine Ausstellung zu Ehren von Müttern besucht, da wurden ihre Emotionen so greifbar für mich, dass ich mit den Tränen kämpfen musste. Obwohl Henry mich emotional etwas weniger erreicht hat, gab es auch in ihrer Geschichte einige berührende Momente. Besonders die schwierige Beziehung zu ihrer Mutter hat sich sehr authentisch angefühlt. Aber auch die Momente, in denen sie das Haus ihrer Großmutter ausräumte, waren sehr feinfühlig beschrieben und haben mich abgeholt.
Themen: Die größte Stärke des Romans liegt für mich in seinen Themen. Es geht gar nicht um eine außergewöhnliche Geschichte, es gibt keine spektakulären Wendungen oder dramatischen Enthüllungen. Und das war auch der Plan, denn es geht ja um die leisen Veränderungen des Erwachsenenlebens, die uns alle irgendwann auf die ein oder andere Art einholen. Beruf, Partnerschaft, Mutterschaft, Trauer und persönliche Entwicklung sorgen dafür, dass Freundschaften oft eben nicht an einem großen Streit zerbrechen, sondern langsam unter der Last des Alltags leiser werden, das fand ich sehr authentisch und lebensnah. Gerade in den Momenten, in denen die drei Frauen die alte Nähe am dringendsten bräuchten, scheint sie am weitesten entfernt zu sein. Der Roman zeigt eindrucksvoll, dass Freundschaften nicht zwangsläufig an mangelnder Liebe scheitern, sondern oft daran, dass das eigene Leben und seine Wendungen immer mehr Raum einnimmt.
Fazit: Lediglich das Ende kam für mich etwas abrupt. Nachdem ich die Figuren über den gesamten Roman so intensiv begleitet hatte, hätte ich sie gerne noch ein Stück weiter auf ihrem Weg erlebt. Gleichzeitig passt genau dieser offene Schluss zum Thema des Romans. Er schreibt den Freundinnen kein fertiges Happy End vor, sondern überlässt die eigentliche Arbeit ihnen und auch den Leser:innen und Lesern, was es braucht, damit Freundschaft neu entsteht und schließlich bestehen bleibt, und das nicht durch eine einzige Aussprache, sondern durch all das, was danach kommt und in den Alltag passen muss. Kaum zu glauben, dass dies ein Debütroman ist. Jette Kötschau schreibt mit einer solchen sprachlichen Sicherheit und einer so feinen Beobachtungsgabe, dass die ihre Figuren wirklich außergewöhnlich nah und lebendig wirken. Der Roman nimmt alltägliche Lebensrealitäten ernst und zeigt, wie schmerzhaft, tröstlich und wertvoll Freundschaften sein können, auch wenn das Leben Menschen manchmal in ganz unterschiedliche Richtungen führt.