Ein feinfühliger Roman über Freundschaft und all die leisen Veränderungen des Lebens

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
whatabout_nadine Avatar

Von

Manchmal sind es gar nicht die großen Ereignisse, die Beziehungen verändern. Viel häufiger sind es die kleinen Dinge, die sich unbemerkt einschleichen: ein voller Terminkalender, neue Lebenswege, unausgesprochene Gedanken oder das Gefühl, dass man sich irgendwann nicht mehr selbstverständlich am Leben des anderen beteiligt. Genau davon erzählt „Dabei waren wir uns immer so nah“ von Jette Kötschau.

Im Mittelpunkt stehen Henri, Merle und Katharina, drei Freundinnen Anfang dreißig, die eigentlich fest davon überzeugt waren, dass ihre Freundschaft alles übersteht. Doch das Leben entwickelt sich für jede von ihnen in eine andere Richtung. Zwischen Kinderzimmer, Beruf, Träumen und langjährigen Beziehungen wird plötzlich deutlich, dass Nähe nicht selbstverständlich bleibt. Schon nach wenigen Seiten hatte ich das Gefühl, nicht einfach eine Geschichte zu lesen.

Besonders gefallen hat mir, dass dieses Buch so mitten aus dem Leben erzählt. Es geht nicht um künstlich aufgebauschte Dramen, sondern um Situationen, die wahrscheinlich viele kennen. Freundschaften verändern sich oft nicht mit einem Knall. Sie werden leiser. Treffen müssen Wochen im Voraus geplant werden. Gespräche bleiben oberflächlicher, weil jeder glaubt, den anderen nicht zusätzlich belasten zu wollen. Und irgendwann merkt man, dass man sich gegenseitig längst nicht mehr alles erzählt. Genau dieses schleichende Auseinanderdriften hat Jette Kötschau unglaublich glaubwürdig eingefangen.

Ebenso eindrucksvoll fand ich die unterschiedlichen Lebensentwürfe der drei Frauen. Da ist die völlige Erschöpfung einer jungen Mutter, die kaum noch weiß, wann sie zuletzt einfach sie selbst sein durfte. Dieses Gefühl, als Frau irgendwann nur noch zu funktionieren und dabei langsam unsichtbar zu werden, hat mich sehr berührt. Dann Katharina, die sich eingestehen muss, dass ein Leben durchaus schön sein kann und trotzdem etwas fehlt. Dass Liebe allein manchmal nicht genügt, wenn die eigenen Wünsche über Jahre immer weiter nach hinten rücken. Das fand ich erstaunlich ehrlich beschrieben. Ohne Schuldzuweisungen, ohne einfache Antworten.

Besonders nah ging mir auch die Geschichte rund um die Großmutter. Wenn ein Mensch mehr Geborgenheit, Verständnis und Halt gegeben hat als die eigene Mutter, entstehen Gefühle, die sich kaum in richtig oder falsch einteilen lassen. Auch dieser Konflikt wurde mit viel Feingefühl erzählt und fühlte sich nie überzeichnet an.

Der Schreibstil hat mir ebenfalls ausgesprochen gut gefallen. Die Geschichte liest sich angenehm flüssig, ruhig und trotzdem nie langweilig. Vielmehr entwickelt sie eine Wärme, die hervorragend zu den Figuren passt. Ich mochte außerdem sehr, dass hier einmal nicht mit den üblichen Klischees gearbeitet wurde. Es gibt keine überzeichnet böse Schwiegermutter und keine künstlich erzeugten Konflikte nur der Spannung wegen. Die Probleme entstehen aus den Figuren selbst, aus ihrem Alltag und ihren Entscheidungen. Und genau deshalb wirken auch die Gespräche und die Aufarbeitung so glaubwürdig.

Auch das Cover möchte ich erwähnen, denn ich finde es wunderschön gestaltet. Es strahlt genau diese Mischung aus Leichtigkeit, Vertrautheit und den endlosen Gesprächen aus, die man früher mit den besten Freundinnen geführt hat. Für mich passt es hervorragend zum Inhalt.

Für mich ist „Dabei waren wir uns immer so nah“ ein reifer, ehrlicher und sehr feinfühliger Roman über Freundschaft, Familie, Partnerschaft, unerfüllter Kinderwunsch und das Erwachsenwerden. Ein Buch über all die Veränderungen, die niemand plant und die trotzdem passieren. Vor allem aber ist es ein Roman für Frauen ab etwa dreißig, die sich vielleicht in der einen oder anderen Situation wiederfinden werden. Von solchen Geschichten dürfte es gerne viel mehr geben.

Von mir gibt es 4,5 von 5 Sternen.