Kann eine Freundinnenschaft von Dauer sein?
Die drei Protagonistinnen Henri, Merle und Katharina in Jette Kötschaus Debütroman „Dabei waren wir uns immer so nah“ sind enge Freundinnen. Sie waren sicher, dass das immer so bleiben würde.
"Sie kannten sich erst zwei Jahre, und trotzdem waren Henri und Katharina Merle näher als die Freundin aus der Schulzeit, die Merle bald nur noch alle paar Wochen und dann sehr schnell gar nicht mehr sah.
Zum ersten Mal musste Merle sich für eine Freundschaft nicht anstrengen. Sie musste nicht ausloten, wie sie sich verhielt, damit sie gemocht wurde. Musste nicht darüber nachdenken, ob sie Henri eine Nachricht schreiben konnte und wie sie sie formulieren sollte. Merle konnte einfach sein. Und die anderen blieben bei ihr.“
Doch nun mit Anfang dreißig haben sich ihre Lebenssituationen allesamt verändert.
"Heute war oft zwei Wochen Funkstille in der Gruppe, bevor meist Katharina etwas schrieb. Wir müssen uns mal wieder updaten oder wann haben wir mal wieder Dinner-Date? Und dann trafen sie sich alle paar Wochen, immer zu dritt. Warum, wusste Merle auch nicht so richtig. Früher hatte sie oft nur mit Henri oder mit Kathi rumgehangen, je nachdem, wer eben gerade Zeit hatte. Nie hatte eine von ihnen das Gefühl gehabt, das fünfte Rad am Wagen zu sein. Jetzt war es, als seien sie alle drei froh, wenn das updaten mal wieder abgehakt war, als bevorzugten Sie es, direkt zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, anstatt die Zeit aufbringen zu müssen, sich mit zwei Menschen getrennt voneinander zu treffen.“
Henri träumt von einem eigenen Kino. Sie lebt von Party zu Party, hat lockere Affären und möchte niemals Kinder. Sie wirkt unabhängig, doch ihr schwieriges Verhältnis zu ihrer Mutter setzt ihr zu. Als ihre geliebte Oma im Sterben liegt, muss sie sich mit ihren Gefühlen und ihrer Mutter auseinandersetzen.
Merle ist frischgebackene Mutter. Entgegen ihrer Abmachung mit Partner Jan, alles fair zu teilen, muss sie sich nun weitgehend alleine durch schlaflose Nächte und einsame Tage mit dem Baby Paul kämpfen.
"Kurz stellte Merle sich vor, es würde Flo nicht geben. Sie wäre allein mit Paul, vierundzwanzig Stunden am Tag. Im ersten Moment wurde es ihr eng in der Brust, im nächsten flammte jedoch die Frage in mir auf, was eigentlich so anders wäre. Sie könnte den Tag frei gestalten, ohne sich ständig mit ihrem Mann zu vergleichen. Wenn Merle mit ihm und dem Kind zusammen war, fühlte es sich manchmal an, als würde jemand ihren Kopf unter Wasser drücken. Erst wenn das Kind schlief und sie unter der Dusche stand oder es schaffte, in Ruhe einen Kaffee zu trinken, konnte sie kurz auftauchen und Luft holen.
Merkwürdigerweise fühlte sich die Zeit mit Paul allein ebenfalls weniger nach Ertrinken an. Sie funktionierte dann einfach, vergaß, was sie sonst tun könnte, wickelte und spielte, hüpfte und trug, nahm den Moment nicht mehr wahr. Wenn Flo dabei war, hungert sie ständig nach einer freien Minute und beobachtete ihn ganz genau - hing er am Handy? Warum? Warum nahm er nicht stattdessen Paul hoch und spielte mit ihm? Warum reagierte er nicht sofort, wenn sie feststellte, dass Paul eine volle Windel hatte? Warum könnte er ihr nicht die freie Zeit, wenigstens die paar freien Minuten, in denen er das Kind wickelte, und sie etwas anderes tun konnte? Warum war automatisch sie für alles verantwortlich, selbst wenn er anwesend war?
Es war, als würde Flo sie daran erinnern, wie anders sie sich all das vorgestellt hatten. Sie hatte gedacht, alles würde so bleiben, wie es war, nur eben mit einem Baby."
Und Katharina, die mit ihrem Job in einer Buchhandlung glücklich ist, zweifelt nach 10 Jahren an ihrem Freund Ole, der ihrem sehnlichen Kinderwunsch immer ausweicht. Daher kann sie ihren Neid auf Merles Familienglück nur schwer aushalten.
Jette Kötschaus Schreibstil hat mir sehr gut gefallen. Dank der wechselnden Perspektiven konnnte ich mich in alle drei Frauen sehr gut hineinversetzen. Die Entwicklungen, die die drei Fauen im Laufe der Handlung durchmachen, sind gut ausgearbeitet und führen zu einem gelungenen Ende.
Insgesamt hat mir dieser Debütroman über Freundinnenschaft und Veränderungen im Leben sowie (unerfüllten) Kinderwunsch sehr gut gefallen.
Vielen Dank an den Rowohlt Kindler Verlag & den Thalia Book Circle für das Rezensionsexemplar 📚💚
"Sie kannten sich erst zwei Jahre, und trotzdem waren Henri und Katharina Merle näher als die Freundin aus der Schulzeit, die Merle bald nur noch alle paar Wochen und dann sehr schnell gar nicht mehr sah.
Zum ersten Mal musste Merle sich für eine Freundschaft nicht anstrengen. Sie musste nicht ausloten, wie sie sich verhielt, damit sie gemocht wurde. Musste nicht darüber nachdenken, ob sie Henri eine Nachricht schreiben konnte und wie sie sie formulieren sollte. Merle konnte einfach sein. Und die anderen blieben bei ihr.“
Doch nun mit Anfang dreißig haben sich ihre Lebenssituationen allesamt verändert.
"Heute war oft zwei Wochen Funkstille in der Gruppe, bevor meist Katharina etwas schrieb. Wir müssen uns mal wieder updaten oder wann haben wir mal wieder Dinner-Date? Und dann trafen sie sich alle paar Wochen, immer zu dritt. Warum, wusste Merle auch nicht so richtig. Früher hatte sie oft nur mit Henri oder mit Kathi rumgehangen, je nachdem, wer eben gerade Zeit hatte. Nie hatte eine von ihnen das Gefühl gehabt, das fünfte Rad am Wagen zu sein. Jetzt war es, als seien sie alle drei froh, wenn das updaten mal wieder abgehakt war, als bevorzugten Sie es, direkt zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, anstatt die Zeit aufbringen zu müssen, sich mit zwei Menschen getrennt voneinander zu treffen.“
Henri träumt von einem eigenen Kino. Sie lebt von Party zu Party, hat lockere Affären und möchte niemals Kinder. Sie wirkt unabhängig, doch ihr schwieriges Verhältnis zu ihrer Mutter setzt ihr zu. Als ihre geliebte Oma im Sterben liegt, muss sie sich mit ihren Gefühlen und ihrer Mutter auseinandersetzen.
Merle ist frischgebackene Mutter. Entgegen ihrer Abmachung mit Partner Jan, alles fair zu teilen, muss sie sich nun weitgehend alleine durch schlaflose Nächte und einsame Tage mit dem Baby Paul kämpfen.
"Kurz stellte Merle sich vor, es würde Flo nicht geben. Sie wäre allein mit Paul, vierundzwanzig Stunden am Tag. Im ersten Moment wurde es ihr eng in der Brust, im nächsten flammte jedoch die Frage in mir auf, was eigentlich so anders wäre. Sie könnte den Tag frei gestalten, ohne sich ständig mit ihrem Mann zu vergleichen. Wenn Merle mit ihm und dem Kind zusammen war, fühlte es sich manchmal an, als würde jemand ihren Kopf unter Wasser drücken. Erst wenn das Kind schlief und sie unter der Dusche stand oder es schaffte, in Ruhe einen Kaffee zu trinken, konnte sie kurz auftauchen und Luft holen.
Merkwürdigerweise fühlte sich die Zeit mit Paul allein ebenfalls weniger nach Ertrinken an. Sie funktionierte dann einfach, vergaß, was sie sonst tun könnte, wickelte und spielte, hüpfte und trug, nahm den Moment nicht mehr wahr. Wenn Flo dabei war, hungert sie ständig nach einer freien Minute und beobachtete ihn ganz genau - hing er am Handy? Warum? Warum nahm er nicht stattdessen Paul hoch und spielte mit ihm? Warum reagierte er nicht sofort, wenn sie feststellte, dass Paul eine volle Windel hatte? Warum könnte er ihr nicht die freie Zeit, wenigstens die paar freien Minuten, in denen er das Kind wickelte, und sie etwas anderes tun konnte? Warum war automatisch sie für alles verantwortlich, selbst wenn er anwesend war?
Es war, als würde Flo sie daran erinnern, wie anders sie sich all das vorgestellt hatten. Sie hatte gedacht, alles würde so bleiben, wie es war, nur eben mit einem Baby."
Und Katharina, die mit ihrem Job in einer Buchhandlung glücklich ist, zweifelt nach 10 Jahren an ihrem Freund Ole, der ihrem sehnlichen Kinderwunsch immer ausweicht. Daher kann sie ihren Neid auf Merles Familienglück nur schwer aushalten.
Jette Kötschaus Schreibstil hat mir sehr gut gefallen. Dank der wechselnden Perspektiven konnnte ich mich in alle drei Frauen sehr gut hineinversetzen. Die Entwicklungen, die die drei Fauen im Laufe der Handlung durchmachen, sind gut ausgearbeitet und führen zu einem gelungenen Ende.
Insgesamt hat mir dieser Debütroman über Freundinnenschaft und Veränderungen im Leben sowie (unerfüllten) Kinderwunsch sehr gut gefallen.
Vielen Dank an den Rowohlt Kindler Verlag & den Thalia Book Circle für das Rezensionsexemplar 📚💚