Wenn Freundschaften erwachsen werden
Was passiert mit Freundschaften, wenn das Leben plötzlich nicht mehr nach denselben Regeln funktioniert? Wenn aus spontanen Treffen Terminabsprachen werden, aus gemeinsamen Zukunftsvorstellungen unterschiedliche Lebensentwürfe und aus der vertrauten Nähe der Jugend eine vorsichtige Distanz? Genau diesen Fragen widmet sich Jette Kötschau in ihrem Debütroman "Dabei waren wir uns immer so nah" (erschienen im Juli 2026 bei Rowohlt).
Worum gehts?
Henri, Merle und Katharina waren überzeugt, dass ihre Freundschaft selbstverständlich und dauerhaft sein würde. Doch mit Anfang dreißig stehen sie an sehr unterschiedlichen Punkten: Während Henri ihren Traum vom eigenen Kino verfolgt und ihr Leben frei und ungebunden gestaltet, ist Merle durch Mutterschaft und Care-Arbeit in einem völlig neuen Alltag angekommen. Katharina wiederum hinterfragt nach zehn Jahren Beziehung ihre Partnerschaft und ihren bisherigen Lebensweg. Der Roman erzählt nicht nur von einer Freundschaft, sondern auch davon, wie gesellschaftliche Erwartungen und persönliche Entscheidungen beeinflussen, wer wir werden.
Meine Meinung
Ein Highlight für mich war definitiv die Perspektive oder besser gesagt die Perspektiven: Die Geschichte wird abwechselnd aus der Sicht der drei Freundinnen erzählt. Dadurch entsteht kein einseitiges Bild, sondern ein vielschichtiges Porträt dreier Frauen, die jeweils mit ihren eigenen Herausforderungen kämpfen. Kötschau zeigt, dass Distanz in Freundschaften nicht unbedingt bedeutet, dass die Verbindung verschwunden ist; manchmal entstehen Brüche gerade dort, wo Menschen sich eigentlich am nächsten sind, aber sich aus versch. Gründen in Stilschweigen hüllen.
Am meisten anfangen konnte ich mit Merles Perspektive. Auch ohne eigene Kinder wurden die Konflikt rund um Mutterschaft, Identität und Mental Load von der Autorin sehr gut nachvollziehbar herausgearbeitet. Grad auch das Thema unsichtbare Arbeit, die häufig und vor allem wenn erst einmal Kinder da sind, weiterhin bei Frauen landet, hat viel Platz bekommen. "Dass sie etwas sagen musste, dass sie sich freinehmen musste, während er die ganze Zeit freihatte und das Babysitten eine Ausnahme war.“ (S. 40) Diese (Merles) Beobachtung trifft einen zentralen Konflikt des Romans: Nicht fehlende Liebe ist oftmals das Problem, sondern unterschiedliche Vorstellungen davon, was selbstverständlich ist.
Auch die Veränderung der Freundschaft selbst wird feinfühlig dargestellt. Besonders schön ist die Beschreibung der früheren körperlichen Nähe zwischen den Freundinnen und wie diese durch neue Lebensphasen verloren geht: „Nun hatte sich plötzlich das Erwachsensein zwischen sie geschoben, die langjährigen Beziehungen, das Kind, Henris viele Dates.“ (S. 50) Der Roman findet darin einen sehr nachvollziehbaren Gedanken: Freundschaften verändern sich nicht nur durch Konflikte, sondern auch durch Umstände. Oft fehlt es nicht an der Zuneigung, sondern an Raum, in dem sie stattfinden kann.
Trotz dieser spannenden Themen konnte mich der Roman mich emotional iwie nicht vollständig erreichen. Ich habe ihn grundsätzlich gerne gelesen, denn die Geschichte liest sich leicht und die Figurenkonstellation bietet viele interessante Ansatzpunkte. Gleichzeitig habe ich mich mit keiner der drei Protagonistinnen wirklich identifizieren können. Gerade der zentrale Konflikt (warum die Freundinnen so lange brauchen, um endlich miteinander ins Gespräch zu kommen) bleibt für mich etwas schwer nachvollziehbar.
Sprachlich ist das Buch angenehm geschrieben. Kötschau erzählt ruhig und zugänglich und schafft viele treffende Beobachtungen. Dennoch hat mir auch hier iwie das besondere Etwas gefehlt, damit der Roman über die bloße Geschichte hinaus nachhaltig im Gedächtnis bleiben würde.
Die Auseinandersetzung mit den verschiedenen weiblichen Lebensentwürfen macht das Buch aber dennoch lesenswert. Henri steht für einen selbstbestimmten Weg ohne klassische Familienplanung, Merle für die Herausforderungen von Mutterschaft und Care-Arbeit, Katharina für die Unsicherheit, wenn ein bisher festgelegtes Leben plötzlich nicht mehr passend erscheint. Der Roman zeigt dabei keine „richtige“ Lebensentscheidung, sondern wie schwierig es sein kann, die eigene Identität innerhalb gesellschaftlicher Erwartungen zu bewahren.
Fazit
"Dabei waren wir uns immer so nah" ist ein zugänglicher Roman über Freundschaft, Veränderung und die Frage, wie viel Nähe verschiedene Lebenswege aushalten können. Besonders gelungen finde ich sind die Beobachtungen rund um Mutterschaft, Mental Load und gesellschaftliche Erwartungen an Frauen. Gleichzeitig fehlte mir sowohl das Identifikationspotenzial mit den Figuren als auch die sprachliche Besonderheit. Ein schönes Buch für Leser:innen, die Geschichten über Freundschaften im Erwachsenenalter und aktuelle feministische Themen mögen. Für mich war es eine angenehme Lektüre mit einigen starken Gedanken und markierten Stellen. Danke an den Rowohlt Verlag für das Rezensionsexemplar.
Worum gehts?
Henri, Merle und Katharina waren überzeugt, dass ihre Freundschaft selbstverständlich und dauerhaft sein würde. Doch mit Anfang dreißig stehen sie an sehr unterschiedlichen Punkten: Während Henri ihren Traum vom eigenen Kino verfolgt und ihr Leben frei und ungebunden gestaltet, ist Merle durch Mutterschaft und Care-Arbeit in einem völlig neuen Alltag angekommen. Katharina wiederum hinterfragt nach zehn Jahren Beziehung ihre Partnerschaft und ihren bisherigen Lebensweg. Der Roman erzählt nicht nur von einer Freundschaft, sondern auch davon, wie gesellschaftliche Erwartungen und persönliche Entscheidungen beeinflussen, wer wir werden.
Meine Meinung
Ein Highlight für mich war definitiv die Perspektive oder besser gesagt die Perspektiven: Die Geschichte wird abwechselnd aus der Sicht der drei Freundinnen erzählt. Dadurch entsteht kein einseitiges Bild, sondern ein vielschichtiges Porträt dreier Frauen, die jeweils mit ihren eigenen Herausforderungen kämpfen. Kötschau zeigt, dass Distanz in Freundschaften nicht unbedingt bedeutet, dass die Verbindung verschwunden ist; manchmal entstehen Brüche gerade dort, wo Menschen sich eigentlich am nächsten sind, aber sich aus versch. Gründen in Stilschweigen hüllen.
Am meisten anfangen konnte ich mit Merles Perspektive. Auch ohne eigene Kinder wurden die Konflikt rund um Mutterschaft, Identität und Mental Load von der Autorin sehr gut nachvollziehbar herausgearbeitet. Grad auch das Thema unsichtbare Arbeit, die häufig und vor allem wenn erst einmal Kinder da sind, weiterhin bei Frauen landet, hat viel Platz bekommen. "Dass sie etwas sagen musste, dass sie sich freinehmen musste, während er die ganze Zeit freihatte und das Babysitten eine Ausnahme war.“ (S. 40) Diese (Merles) Beobachtung trifft einen zentralen Konflikt des Romans: Nicht fehlende Liebe ist oftmals das Problem, sondern unterschiedliche Vorstellungen davon, was selbstverständlich ist.
Auch die Veränderung der Freundschaft selbst wird feinfühlig dargestellt. Besonders schön ist die Beschreibung der früheren körperlichen Nähe zwischen den Freundinnen und wie diese durch neue Lebensphasen verloren geht: „Nun hatte sich plötzlich das Erwachsensein zwischen sie geschoben, die langjährigen Beziehungen, das Kind, Henris viele Dates.“ (S. 50) Der Roman findet darin einen sehr nachvollziehbaren Gedanken: Freundschaften verändern sich nicht nur durch Konflikte, sondern auch durch Umstände. Oft fehlt es nicht an der Zuneigung, sondern an Raum, in dem sie stattfinden kann.
Trotz dieser spannenden Themen konnte mich der Roman mich emotional iwie nicht vollständig erreichen. Ich habe ihn grundsätzlich gerne gelesen, denn die Geschichte liest sich leicht und die Figurenkonstellation bietet viele interessante Ansatzpunkte. Gleichzeitig habe ich mich mit keiner der drei Protagonistinnen wirklich identifizieren können. Gerade der zentrale Konflikt (warum die Freundinnen so lange brauchen, um endlich miteinander ins Gespräch zu kommen) bleibt für mich etwas schwer nachvollziehbar.
Sprachlich ist das Buch angenehm geschrieben. Kötschau erzählt ruhig und zugänglich und schafft viele treffende Beobachtungen. Dennoch hat mir auch hier iwie das besondere Etwas gefehlt, damit der Roman über die bloße Geschichte hinaus nachhaltig im Gedächtnis bleiben würde.
Die Auseinandersetzung mit den verschiedenen weiblichen Lebensentwürfen macht das Buch aber dennoch lesenswert. Henri steht für einen selbstbestimmten Weg ohne klassische Familienplanung, Merle für die Herausforderungen von Mutterschaft und Care-Arbeit, Katharina für die Unsicherheit, wenn ein bisher festgelegtes Leben plötzlich nicht mehr passend erscheint. Der Roman zeigt dabei keine „richtige“ Lebensentscheidung, sondern wie schwierig es sein kann, die eigene Identität innerhalb gesellschaftlicher Erwartungen zu bewahren.
Fazit
"Dabei waren wir uns immer so nah" ist ein zugänglicher Roman über Freundschaft, Veränderung und die Frage, wie viel Nähe verschiedene Lebenswege aushalten können. Besonders gelungen finde ich sind die Beobachtungen rund um Mutterschaft, Mental Load und gesellschaftliche Erwartungen an Frauen. Gleichzeitig fehlte mir sowohl das Identifikationspotenzial mit den Figuren als auch die sprachliche Besonderheit. Ein schönes Buch für Leser:innen, die Geschichten über Freundschaften im Erwachsenenalter und aktuelle feministische Themen mögen. Für mich war es eine angenehme Lektüre mit einigen starken Gedanken und markierten Stellen. Danke an den Rowohlt Verlag für das Rezensionsexemplar.