Zwischen Nähe und Entfremdung

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
chemangel Avatar

Von

Manche Freundschaften fühlen sich an, als würden sie für immer halten, bis das Leben plötzlich in ganz unterschiedliche Richtungen führt. Genau davon erzählt Jette Kötschau in „Dabei waren wir uns immer so nah“. Im Mittelpunkt stehen Henri, Merle und Katharina, die sich noch immer wichtig sind, sich aber längst nicht mehr so nah fühlen wie früher.

Henri verliert mit ihrer Oma ihre wichtigste Bezugsperson. Gerade in dieser Zeit würde sie ihre Freundinnen eigentlich besonders brauchen, merkt aber, wie schwer es geworden ist, einfach aufeinander zuzugehen. Sie lebt allein, möchte keine Kinder und passt damit immer weniger in das Leben der anderen. Besonders berührt hat mich ihre Begegnung mit der langjährigen besten Freundin ihrer Oma. Darin lag für mich etwas Hoffnungsvolles, Freundschaften müssen nicht gleich bleiben, um ein ganzes Leben zu tragen.

Merle führt auf den ersten Blick das perfekte Vorstadtleben. Mann, Kind, Hausbau und ein Partner, der die Care-Arbeit selbstverständlich mittragen wollte. In der Realität bleibt jedoch fast alles an ihr hängen. Ihre Überforderung, Einsamkeit und das Gefühl, im eigenen Leben festzustecken, fand ich sehr glaubwürdig beschrieben.

Katharina dagegen wünscht sich seit Jahren ein Kind, während ihr Partner sie immer weiter vertröstet. Dass Merle plötzlich schwanger ist, trifft sie deshalb besonders hart. Weil sie darüber nie offen gesprochen hat, wird aus ihrer Verletzung Distanz und schließlich ein echter Bruch.

Mit Hannah kommt noch eine neue Figur hinzu, die mir sehr gefallen hat. Als alleinerziehende Mutter versteht sie vieles, was Merle beschäftigt, und wird langsam zu einem neuen Teil dieser Freundinnengruppe. Dadurch wirkt das Ende nicht wie eine Rückkehr zu früher, sondern wie ein vorsichtiger Neuanfang.

Der Roman erzählt ruhig und ohne künstliches Drama. Manchmal hätte ich mir noch etwas mehr emotionale Tiefe gewünscht, insgesamt fand ich die Figuren und ihre Konflikte aber sehr nahbar. Besonders gelungen ist die Idee, dass Freundschaft nicht daran scheitern muss, dass sie sich verändert.