Wenn aus der Jägerin plötzlich die Gejagte wird …

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antjep78 Avatar

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Ich bin ein großer Fan von Melanie Raabe und liebe es, wie sie es immer wieder schafft, mit ungewöhnlichen Ideen, psychologischen Spielchen und überraschenden Wendungen meine Erwartungen auf den Kopf zu stellen. Dementsprechend gespannt war ich auf „DAISY – Und all deine Geheimnisse werden mir gehören“. Und der Klappentext hat bei mir sofort eine ganz bestimmte Erwartung geweckt:
Eine erfolgreiche Anwältin, die nachts zur Rächerin wird und diejenigen zur Rechenschaft zieht, die dem Gesetz entkommen sind? Ganz ehrlich – genau darauf hatte ich richtig Lust!

Im Mittelpunkt steht die 34-jährige Luca Palmer, die tagsüber als Anwältin in Berlin arbeitet. Doch Luca hat eine zweite Seite. Sie glaubt nicht daran, dass das Gesetz immer für Gerechtigkeit sorgen kann, und hat deshalb begonnen, selbst einzugreifen. Gemeinsam mit ihrem Mentor Walther nimmt sie Menschen ins Visier, die ihrer Meinung nach einer gerechten Strafe entkommen sind. Ihr Markenzeichen: ein Gänseblümchen – eine Daisy.

Ich hatte deshalb fest damit gerechnet, Luca auf ihren nächtlichen Vergeltungsaktionen zu begleiten und nach und nach zu erfahren, wie weit sie dabei geht. Doch genau das passiert eigentlich nicht.
Stattdessen dreht Melanie Raabe den Spieß ziemlich schnell um: Aus der Jägerin wird die Gejagte.
Plötzlich tauchen überall in Berlin geheimnisvolle Plakate auf:
„Ich werde dich finden. Und all deine Geheimnisse werden mir gehören.“
Und Luca muss sich fragen, ob diese Botschaft tatsächlich ihr gilt. Weiß jemand, was sie getan hat? Kennt jemand ihr Doppelleben? Und vor allem: Wer steckt dahinter?

Ab diesem Moment entwickelt sich die Geschichte zunehmend zu einem psychologischen Katz-und-Maus-Spiel. Luca verliert immer mehr die Kontrolle und genau dieses Gefühl von Unsicherheit und Paranoia hat Melanie Raabe für mich wieder unglaublich gut eingefangen. Man beginnt gemeinsam mit Luca zu überlegen, wem sie überhaupt noch vertrauen kann und welche Menschen in ihrem Umfeld vielleicht mehr wissen, als sie zugeben.

Besonders interessant fand ich dabei die zwei Zeitebenen. Die Handlung wechselt zwischen der Gegenwart und den Ereignissen 14 Jahre zuvor. Stück für Stück erfahren wir, was damals passiert ist und warum Luca überhaupt zu der Frau geworden ist, die sie heute ist. Ihre Vergangenheit und insbesondere die Ereignisse rund um ihren Kindheitsfreund Moritz haben ihren Wunsch nach Gerechtigkeit entscheidend geprägt.

Und genau hier liegt für mich gleichzeitig eine der größten Stärken und Schwächen des Buches.
Von dieser Vergangenheit hätte ich wahnsinnig gern noch viel mehr gelesen. Auch Lucas nächtlicher Rachefeldzug hätte für meinen Geschmack deutlich mehr Raum bekommen dürfen. Gerade diese moralische Grauzone – darf man selbst für Gerechtigkeit sorgen, wenn das Gesetz versagt? – fand ich unglaublich spannend. Hier hätte die Geschichte für mich noch wesentlich tiefer gehen können.

Stattdessen konzentriert sich der Roman vor allem darauf, was passiert, als Luca selbst zur Zielscheibe wird. Das funktioniert spannend und entwickelt gerade im Mittelteil einen tollen Sog, war aber eben nicht ganz die Geschichte, die ich nach dem Klappentext erwartet hatte.

Vielleicht waren meine Erwartungen auch deshalb besonders hoch, weil ich Melanie Raabes Bücher und vor allem ihre raffinierten Plots so liebe. Normalerweise habe ich bei ihr ständig das Gefühl, dass sich unter der eigentlichen Geschichte noch eine zweite oder sogar dritte Ebene verbirgt. Ich warte auf diesen Moment, in dem plötzlich alles kippt und ich merke: Okay, damit habe ich jetzt überhaupt nicht gerechnet!
Bei „DAISY“ hatte ich dieses Gefühl leider nicht.

Die Geschichte besitzt einen interessanten Plot, bleibt für mich aber auch genau bei diesem einen. Gerade zum Ende hin war ich fest davon überzeugt, dass Melanie Raabe noch ein Ass aus dem Ärmel ziehen würde. Ich habe regelrecht darauf gewartet, dass noch etwas passiert, das meine bisherige Sicht auf die Geschichte komplett verändert.
Aber dieser große Überraschungsmoment kam für mich nicht.
Und das hat mich tatsächlich ein wenig enttäuscht.

Trotzdem habe ich „DAISY“ sehr gerne gelesen. Melanie Raabe schreibt atmosphärisch, intelligent und psychologisch spannend. Besonders die Frage nach Schuld, Gerechtigkeit und Selbstjustiz sowie der Rollenwechsel von der Jägerin zur Gejagten machen die Geschichte lesenswert. Auch Luca fand ich als Protagonistin gerade wegen ihrer moralischen Widersprüche interessant.
Für mich ist „DAISY“ ein guter Psychothriller mit einer spannenden Grundidee, der mich besonders im Mittelteil fesseln konnte. Gleichzeitig ist es aber nicht mein stärkstes Buch der Autorin. Dafür hätte ich mir mehr von Lucas Vergangenheit, deutlich mehr von ihrem Rachefeldzug und vor allem am Ende noch einen dieser typischen Melanie-Raabe-Momente gewünscht, bei denen einem kurz die Kinnlade herunterfällt.

Spannend? Definitiv. Psychologisch interessant? Absolut. Aber bei meinen hohen Erwartungen an Melanie Raabe hat mir am Ende leider noch das gewisse Etwas gefehlt.