eine großartige Geschichte 🩶

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kerstin aus obernbeck Avatar

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Das Antiquariat am alten Friedhof - Kai Meyer
 
Leipzig, 1930. Felix, Vadim, Eddie und Julius, Söhne aus gutem Hause, haben ein feines Leben. Als „Club Casaubon“ verbringen sie viel Zeit in Vadims Antiquariat, lesen, diskutieren und begehen ab und an Bücherdiebstähle. Diese sorgen nicht nur für ein bisschen Nervenkitzel, der Verkauf der gestohlenen Bücher dient dem Erhalt des Antiquariats.
Eddies Schwester Eva schließt sich den Freunden an. Durch ihre Arbeit in einem renommierten Antiquariat hat sie Zugang zu besonderen Objekten und verkehrt in den besten Kreisen. Felix und Vadim sind von der selbstbewussten jungen Frau fasziniert.
 
Die Diebstähle der Freunde werden immer gewagter, doch dann geraten sie in falsche Kreise und ein Coup endet in einem Desaster.
 
1945 – Felix ist vor 15 Jahren in die USA ausgewandert und arbeitet inzwischen als Bibliothekar für eine amerikanische Behörde. Er wird nach Leipzig beordert, denn das amerikanische Militär hat einen Mann festgenommen, der behauptet, Hitlers Vorleser gewesen zu sein und zu wissen, wo die geheime Bibliothek des Führers sei. Felix soll von ihm diese Information beschaffen, doch schon die erste Befragung bringt neue Rätsel, denn der Mann, dessen Gesicht aufgrund einer Verbrennung nicht mehr erkennbar ist, behauptet, Vadim zu sein.
Felix nutzt den Aufenthalt in Leipzig auch, um zurückliegende Ereignisse aufzuarbeiten, alte Freunde zu finden und vor allen Dingen, um den Verbleib von Eva zu klären. Doch das gestaltet sich in den Nachkriegswirren als sehr schwierig.
 
Ist der Vorleser wirklich Vadim, was ist mit Eva im Lazarettzug passiert und was hat es mit den Toten auf sich, denen „Ich starb von Hoffmanns Hand“ in die Haut geritzt wurde?

„Und wer Bücher liebte, der versetzte sich Tag für Tag in die Köpfe anderer.“ (S.187)
 
Kai Meyer erschafft Charaktere, die es einem nicht leicht machen, sie zu durchschauen und in der ersten Begegnung einzuschätzen – aber gerade das den Reiz der Geschichte aus.

Wer ist Eva wirklich? Einfach nur die Tochter aus gutem Haus – oder eine junge Frau, die den Nervenkitzel einfach nur ein wenig zu sehr mag?
Was hat es mit dem Gewächshaus im Garten von Evas und Eddies Eltern auf sich?
Welche Rolle spielt Magnus Heiden? Gehört der Journalist zur High Society oder ist er gar ein russischer Spion?
Warum ist Felix in die USA ausgewandert, sind nach seinem Besuch in der Bibliothek auf Patmos noch alle Bücher vorhanden oder ist er nach wie vor ein Bücherdieb?
 
Kai Meyer gelingt es hervorragend, vielschichtige Handlungsstränge klug und nachvollziehbar miteinander zu verbinden – es passiert viel in der Geschichte, zu keiner Zeit ist sie dabei jedoch überladen, sondern genau richtig, so wie sie ist.
 
Die Lesenden reisen an die Amalfi Küste, nach Patmos und Rumänien, aber vor allem in das Graphische Viertel in Leipzig.
Die Orte werden lebhaft beschrieben, ich habe die Straßen, das Antiquariat und auch den alten Friedhof vor mir gesehen habe, bin mit Felix und Suse an den Ruinen vorbeigefahren, war mit Eva im Gewächshaus und habe die Schritte gehört, von denen Eddie erzählt.
 
„Authentizität ist eines der größten Missverständnisse der Literatur.“ (S.259)
 
Mag sein, für mich ist „Das Antiquariat am alten Friedhof“ jedoch eine sehr gut erzählte, glaubhafte Geschichte, die mich auch überzeugt und begeistert, weil es ein Wiedersehen mit bekannten Figuren wie z.B. Cornelius Frey und Gregori gibt und in kleinen Momenten an vorherige Romane aus dem Graphischen Viertel erinnert.
 
Das Nachwort des Autors hat mir gefallen, danke für den Einblick in die Entstehung der Geschichte.
 
Großartig, einfach nur großartig!
Ich bin maximal begeistert von dieser spannenden und genial erzählten Geschichte.