Zwischen Clans, Göttern und alten Wunden

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jule2005 Avatar

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Das Buch der gefallenen Blätter ist ein Fantasyauftakt, der vor allem durch seine enorme Detailfülle und die Größe seiner erschaffenen Welt beeindruckt. Wer komplexe High Fantasy mit politischen Verstrickungen, unterschiedlichen Clans und einer langsam stärker werdenden übernatürlichen Bedrohung sucht, findet hier definitiv viel zu entdecken.

Im Mittelpunkt stehen Sen und Rui, deren Lebenswege kaum unterschiedlicher beginnen könnten. Sen stammt aus einem mächtigen Clan und trägt die Folgen des gescheiterten Aufstands seines Vaters mit sich. Seine Familie, seine Heimat und sein bisheriges Leben sind ihm genommen worden, während er gleichzeitig mit dem Druck lebt, die Ehre seines Hauses wiederherzustellen. Rui wächst dagegen unter völlig anderen Bedingungen auf und ahnt zunächst nicht, welche Bedeutung ihr eigenes Schicksal noch bekommen wird. Beide Figuren haben mit Verlust und Erwartungen zu kämpfen, reagieren darauf aber auf ganz unterschiedliche Weise.

Gerade die Charakterarbeit hat mir gut gefallen. Die Figuren werden nicht einfach über ihre Rollen in den politischen Konflikten definiert, sondern erhalten eigene Wünsche, Ängste und innere Widersprüche. Besonders Sen und Rui entwickeln sich im Laufe der Geschichte weiter und es war interessant zu beobachten, wie ihre bisherigen Vorstellungen von sich selbst und ihrer Umgebung ins Wanken geraten. Auch Sens Schwester Kai fand ich sehr spannend, vor allem aufgrund ihrer Position innerhalb der höfischen Machtstrukturen.

Ein großes Highlight ist zweifellos das Worldbuilding. Die verschiedenen Clans, ihre Hierarchien, Vorstellungen von Ehre und politischen Interessen ergeben ein dichtes Geflecht, in dem man sich zunächst durchaus orientieren muss. Dazu kommen Götter, Geister und Dämonen, deren Einfluss zunächst eher im Hintergrund spürbar ist und sich nach und nach stärker bemerkbar macht. Gerade diese zurückhaltende Einführung der fantastischen Elemente hat mir gefallen, weil dadurch der Eindruck entsteht, dass sich hier im weiteren Verlauf noch einiges entwickeln wird.

Allerdings verlangt das Buch seinen Leser*innen einiges an Aufmerksamkeit ab. Die vielen Namen, Häuser und politischen Zusammenhänge können gerade am Anfang schnell überwältigend wirken. Ein Personenverzeichnis bzw. Glossar ist deshalb eine große Hilfe. Auch die häufigen Perspektivwechsel haben es mir nicht immer leicht gemacht, im Erzählfluss zu bleiben.

Das Erzähltempo ist ebenfalls sehr unterschiedlich. Der erste Teil nimmt sich viel Zeit für die Figuren und ihre Gedankenwelt, wodurch die Geschichte stellenweise eher ruhig voranschreitet. Persönlich hat mich das nicht immer gepackt. Trotz der detaillierten Welt und der interessanten Charaktere wollte bei mir über längere Strecken einfach kein richtiger Sog entstehen. Die späteren Abschnitte werden deutlich dynamischer und insbesondere die Kämpfe im letzten Teil bringen wesentlich mehr Spannung in die Handlung. Das Finale empfand ich dabei als besonders gelungen.

Sprachlich ist der Roman sehr atmosphärisch und teilweise ausgesprochen bildhaft. Manche Passagen haben eine fast feierliche Wirkung, während einzelne Dialoge für mich etwas künstlich klangen. Insgesamt ist der Schreibstil jedoch bemerkenswert, gerade wenn man berücksichtigt, dass es sich um ein Debüt handelt.

Auch wenn das Setting stark von japanischer Geschichte und Mythologie inspiriert ist, hätte ich mir an manchen Stellen eine noch stärkere kulturelle Verankerung gewünscht. Die Welt wirkt zwar eigenständig und ausführlich ausgearbeitet, das Gefühl, tatsächlich in einer entsprechend geprägten historischen Umgebung zu sein, entstand bei mir allerdings nicht immer.

Fazit:
Das Buch der gefallenen Blätter ist ein ambitionierter und detailreicher Fantasyauftakt, der mit einer komplexen Welt, vielschichtigen Figuren und einer interessanten Verbindung aus Politik, Mythologie und persönlichem Schicksal überzeugt. Für meinen Geschmack war der Spannungsaufbau über weite Strecken zu zurückhaltend und die vielen Perspektivwechsel haben mir den Zugang zusätzlich erschwert. Trotzdem erkennt man deutlich das Potenzial der Reihe, und gerade die Entwicklungen am Ende machen neugierig darauf, wohin sich die Geschichte noch bewegen wird.

Ein Buch für alle, die sich gerne Zeit für eine große Fantasywelt nehmen und Freude an komplexen Machtstrukturen, Clankonflikten und langsam enthüllten Geheimnissen haben.