Die Macht von Erinnerungen und Zensur - Fantasy mit aktuellem Thema

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merleredbird Avatar

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Vielen Dank an Vorablesen und den dtv Verlag, die mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben. Meine Meinung ist davon jedoch unabhängig.

An diesem Buch hat mich der Mix aus Roman und Fantasyelementen angesprochen – es hat mich etwas an die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig erinnert, die ich sehr gerne mochte: eine Bibliothek abseits von Raum und Zeit mit Büchern, die Erinnerungen und Lebensgeschichten bewahren.

Dieses Konzept wird hier in ein historisches Setting gebettet. Die junge Jüdin Lisavet lebt 1938 in Nürnberg und wird von ihrem Vater während der Reichspogromnacht im sogenannten Zeitraum versteckt, in der sie den 2. Weltkrieg überlebt. Eine zweite Perspektive bringt uns zur Geschichte von Amelia, die 1965 bei ihrem Onkel Ernest in Boston aufwächst. Doch dann wird Ernest ermordet, angeblich von den Russen. Amelia erfährt durch Moira, eine Kollegin ihres Onkels, die Wahrheit: Ernest war Zeithüter und konnte mit einer Uhr in den Zeitraum reisen, die Zeit verändern. So begibt sich auch Amelia in diese Welt abseits von Raum und Zeit.

Die beiden Zeitebenen entwickeln sich langsam: während in der Gegenwart Amelia versucht, dem Erbe und Tod ihres Onkels auf die Spur zu kommen und gegen andere Zeitwächter zu verteidigen, begleiten wir Lisavet in den Jahren, die sie während des Krieges im Zeitraum verbracht hat – und in der sie Ernest kennen- und lieben gelernt hat. Die erste Verbindung der beiden Zeitebenen durch Ernest ist also relativ offensichtlich, aber es verstrickt sich immer mehr und spätere Plottwists konnten mich ehrlich überraschen. Das war bei ca. 50-60% des Buches, danach konnte ich es kaum aus den Händen legen. Davor… nun, ehrlich gesagt fand ich das Lesen davor etwas zäh, weil es wirklich sehr langsam erzählt wurde und die ersten Enthüllungen eher offensichtlich waren.

In der 2. Hälfte des Buches wird auch das zentrale Thema sehr eindeutig. Es geht besonders um Erinnerungen, und den Zeitraum als Ort, der Erinnerung bewahrt. Gleichzeitig geht es um Organisationen, die diese Fähigkeiten für eigene Zwecke nutzen wollen: Erinnerungen sollen gelöscht und zensiert werden. In diesem Komplex kommt die Rebellion gegen diese Organisationen auf, die sich mit der Blume Vergissmeinnicht schmückt – ein eindeutiges Symbol für ihre Mission.

Und unter diesem Aspekt begleiten wir Amelia, Lisavet, Moira und Ernest; wie sie sich von ihrer Moral leiten lassen und für das Kämpfen, was sie für richtig halten.

„Du würdest mich nicht verlieren. Man kann nichts verlieren, woran man sich nicht erinnert.“

Zusammen mit dem historischen Kontext des 2. Weltkriegs bzw. kalten Krieges ein unfassbar aktuelles Thema, das uns zeigt, wie wertvoll die Macht der Erinnerungen ist und wie gefährlich es ist, wenn Menschen in Machtpositionen das Narrativ verändern lassen (wollen).

Das Buch hat ein paar langatmige Stellen, besonders zu Beginn, und man darf nicht zu viel über die magischen Elemente nachdenken, da das System nicht komplett ausgefeilt und begrenzt wurde. Aber insgesamt hatte ich eine gute und anregende Lesezeit und möchte das Buch vor allem wegen der Thematik allen ans Herz legen. Von mir gibt es 4 Sterne.