eine außergewöhnliche Geschichte über einen Jungen, die Natur und das unvorhersehbare Schicksal eines gesamten Dorfes

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Wir machen eine kleine Zeitreise. Es geht zurück in die Anfänge des 20. Jahrhunderts. Eine Zeit, die durch viele Umbrüche und große Herausforderungen geprägt wurde. In dem kleinen mexikanischen Ort Linares spielte sich zu dieser Zeit eine sehr magische Geschichte ab. An einem Oktobermorgen im Jahre 1910 findet die alte Nana Reja unter einer Brücke ein abgelegtes Kind, doch niemand sonst hatte es schreien hören. Stets von einem Bienenschwarm umhüllt und von einer Missbildung der Oberlippe entstellt, sorgt der kleine Simonopio zunächst für eine Menge Unruhe und Unheilprophezeiungen bei den Dorfbewohnern. Dennoch nehmen Nana Reja und die etwas wohlhabendere Familie Morales, die bereits seit Generationen Zuckerrohrfelder bewirtschaften, das Kind und eben auch die ihn begleitenden Bienen bei sich auf. Gegen aller Erwartungen wächst der Junge ganz normal heran, aber bis auf einige unverständliche Laute wird er nie wirklich sprechen können. Im Laufe der Jahre entwickelt eine ganz besondere Gabe und was das Verständnis der Natur anbelangt, wird ihm nie jemand etwas vormachen. Es scheint als würden er und seine Bienen eine unzertrennliche Symbiose eingehen, so als würden sie ihn führen und stets allem einen Schritt voraus seien. Er vertraut ihnen, rennt ihnen hinterher und erkundet die Umgebung, manchmal sogar tagelang. Und er erahnt eben auch das Unheil, das durch den Bürgerkrieg und später durch die spanische Grippe naht und wird die Familie dadurch nicht nur einmal vor Schlimmeren bewahren. Aber es gibt auch etwas, vor dem sich Simonopio fürchtet. Seine Lieblingsgeschichte ist eine von Vater Franciscos Fabeln und dieser gab ihm folgenden Rat: "Eine Fabel zeichnet sich dadurch aus, dass die Tiere menschliche Eigenschaften haben, gute und schlechte. Wer die Fabel kennt, kann sich entscheiden, ob er die Gazelle oder die Maus sein will. Aber du, Simonopio, bist ganz gewiss der Löwe. Du musst dich nur vor dem Kojoten hüten." Und ja, dieser Tag, an dem sich Kojote und Löwe begegnen werden, wird kommen. Nicht heute, aber die Gefahr lauert stets im Verborgenen und ob dann seine Intuition und die Bienen immer rechtzeitig davor bewahren können oder er die Familie und die Bewohner der Hacienda ins Verderben stürzt, wird sich im Laufe der Zeit und eben dieser Geschichte zeigen.

"Die Bienen waren geduldig mit ihm gewesen: Jahrelang hatten sie darauf gewartet, dass er bereit wäre, die Reise mit ihnen zu vollenden. Am Ende des Weges wartete etwas Wichtiges auf ihn, etwas, was sie ihm schon immer hatten mitteilen wollen, etwas, was sie ihm zu verstehen geben wollten.
Bald würde er es sehen."

Sofía Segovias Roman Das Flüstern der Bienen ist für mich eine der größten Überraschungen in diesem Frühjahr. Zwar hatte ich bereits nach dem Lesen des Klappentextes eine spannende, etwas übersinnlich angehauchte Schicksals-Geschichte erwartet, aber dieser Roman bietet einfach so viel mehr und beinhaltet eine so bewegende 'Brüder'-Geschichte, dass ich nur begeistert davon sprechen kann. Dieses Buch ist eine Art Familien-/Generationenroman, der in den Anfängen des 20. Jahrhunderts in Mexiko spielt und ein spannendes Abbild des Lebens und der Gesellschaftsschichten während der spanischen Grippe, der Landreform in Mexiko und einer sich stets weiterentwickelnden Welt mit all ihren Herausforderungen, technologischen Fortschritten und Anforderungen darstellt. Es ist aber auch ein Spannungsroman, ein Krimi und ein Stück weit Traumaverarbeitung oder vielleicht auch eher ein Drama, das sich in der Familiengeschichte der Morales abgespielt hat. Jedenfalls hat sich dieses Buch, sei es aufgrund seiner thematischen Vielschichtigkeit und Verflechtungen oder doch aufgrund dieses ganz besonderen Jungen und Findelkinds Simonopio, nach und nach zu einer meiner liebsten Geschichten in diesem Jahr entwickelt.

Zu Anfang war ich allerdings noch etwas skeptisch und brauchte einige Seiten um mich in dem Erzählstil einzufinden. Eher ruhig und unaufgeregt erzählt Sofia Segovia diese Geschichte aus verschiedenen Perspektiven bzw. die einzelnen Kapitel folgen jeweils einem anderen Blickwinkel. Sie springt dabei von einem allgemeinen Erzähler, der mal aus Sicht der Mutter, des Vaters oder des Bruders… die Situation schildert, zu dem Ich-Erzähler Francisco, dem Sohn der Morales, der auf sein Leben zurückblickt. Dadurch kommt es insgesamt zu einer sehr vielstimmigen und von diversen Emotionen und Ansichten begleiteten Erzählung, die die Leser*innen sehr intensiv mit den einzelnen Protagonisten verbindet. Seite für Seite lernt man dabei das Geheimnis um Simonopio und seine Bienen, sowie die familiäre Beziehung zwischen den Morales und ihren Angestellten und Freunden kennen und schätzen. Sofia Segovia verflicht dabei sehr faszinierend dieses 'familiäre Band' mit zahlreichen historischen und technischen Fakten und Gegebenheiten. Inspiriert von einer realen Geschichte eines Dorfes in Mexiko, nimmt sie ihre Leser*innen mit in eine ganz andere Zeit und diese stolpern dann quasi ganz nebenbei von einer aufwühlenden Geschichte in die nächste. Und das macht dann vielleicht auch den Reiz dieses Buches aus. Es ist ein Stück weit genreübergreifend und eine Mischung aus historischem Roman, Familienroman, Spannungsroman und doch irgendwie zeitweise auch ein Krimi. In Mexiko/Lateinamerika war dieses Buch ein Publikumsliebling und monatelang in den Bestsellerlisten vertreten und das meiner Meinung nach zurecht. Während andere Romane nämlich sehr schnell ins Kitschige, leicht Unterhaltsame oder Vorhersehbare kippen, punktet dieses Buch bis zum Schluss durch seine Wendungen, Umbrüche und neuen Herausforderungen und hält dabei stets einen gewissen literarischen Grad aufrecht. Ich glaube mehr möchte ich an dieser Stelle auch nicht verraten, für mich war es jedenfalls ein großes Lesevergnügen und obwohl ich gerne einen Bogen um dicke Bücher mache, dieses hätte ruhig noch etwas dicker sein können.