Vier ergreifende Frauenschicksale

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
magdas_buecherwelt Avatar

Von

Ein großartiger Familien- und Frauenroman! Die Handlung spielt auf mehreren Zeitebenen und erzählt die Geschichte von Annemie, Mona, Freya und Janne im Zeitraum zwischen 1965 und 2024.
Annemie ist Monas Großmutter und Jannes Schwiegermutter. Mit ihrem Mann Karl hat sie drei Kinder großgezogen: Sabine, Stefan und Sven. Sabine ist elf Jahre älter als ihre Brüder. Direkt nach dem Abitur hat sie ihr Elternhaus in der Marsch verlassen, um ins Ausland zu gehen. Ihre Tochter Mona lebt in Hamburg, Sabine war ihre Karriere immer wichtiger als ihr Kind, weswegen die beiden ein kühles und distanziertes Verhältnis haben.
Sven ist erfolgreicher Geschäftsmann mit wechselnden Freundinnen, während Stefan mit Janne verheiratet und Vater von zwei kleinen Kindern ist, das dritte ist unterwegs. Janne schmeißt den Haushalt und kümmert sich um die Kinder, während sich Stefan tagsüber auf seinen Beruf und abends auf seine Tätigkeit bei der freiwilligen Feuerwehr konzentriert.
Als Mona ihre Großeltern in ihrem Haus in der Marsch besucht, findet sie nur ihren Großvater Karl vor, ihre Großmutter Annemie ist verschwunden. Nachdem sie nach einer großangelegten Suche nicht gefunden wird, scheinen sich alle damit abzufinden, Karls demnächst anstehender 80. Geburtstag soll wie geplant gefeiert werden.
Mona findet in Annemies Handtasche ein Babyfoto, das weder Sabine noch einen ihrer Brüder zeigt. Als sie Karl auf das Foto anspricht, wimmelt dieser sie ab.
Dann gibt es da noch Freya, die ich lange nicht einordnen konnte. Sie hat zwar einen Bezug zur Marsch, aber scheinbar keinen zu Karls und Annemies Familie.
Annemies Erlebnis in ihrer frühen Jugend hat mich sehr berührt. Sie wurde mit Karl, dem reichen Bauern und künftigen Bürgermeister verheiratet, die beiden haben drei Kinder großgezogen, doch ihr Herz war gebrochen, sie konnte ihren Kindern keine Liebe schenken. Sie hat sechzig Jahre lang gewartet, um ein Geheimnis aus ihrer Jugend aufzudecken – nur um zeitgleich zu der Erkenntnis zu gelangen, dass auch Karl sein Leben lang ein schwerwiegendes Geheimnis vor ihr verborgen hatte.
Es hat mich erschüttert zu lesen, wie Karl und Annemie das Schweigen und ihre unverarbeiteten Traumata an ihre Kinder und Enkel vererbt haben.
Interessant fand ich Jannes Leben als Tradwife, ein Trend, der seit einiger Zeit durch die Sozialen Medien geht. Sie geht einerseits in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter auf und versucht sich als Mom-Influencerin, steht andererseits aber am Rande eines Nervenzusammenbruchs.
Ich habe Das Flüstern der Marsch sehr gern gelesen, das Buch bietet viel Diskussionspotential. Nicht unerwähnt lassen möchte ich noch die poetischen Beschreibungen der Marsch, die für die Protagonistinnen über Jahrzehnte hinweg eine Zuflucht dargestellt hatte, die sie mit ihren Problemen und Geheimnissen wie eine liebevolle Mutter aufgenommen hat.
Sehr gerne vergebe ich fünf Sterne und spreche eine Leseempfehlung aus.