Starke Atmosphäre

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delizzy Avatar

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Das Ganymed Fragment ist weniger ein klassischer Science-Fiction-Roman als vielmehr ein psychologisches Kammerspiel vor kosmischer Kulisse.

Die Welt im Jahre 2225 ist leider nicht besser als heute, denn die Menschheit hat sich auf die Galaxie ausgebreitet, ein Großteil lebt unter schwierigen Umständen auf der orbitalen Station Ceres und Großkonzerne betreiben auf allen erreichbaren Planeten in großem Stil Abbau seltener Rohstoffe.

Der Sonderermittler Alan Bishop wird auf den Eisplaneten Ganymed beordert, nachdem ein Ingenieur unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen ist, seine beiden anwesenden Kollegen jedoch dazu nichts sagen können oder wollen.
Dort angekommen sieht er sich nicht nur Widerstand durch den Stationsleiter Reed gegenüber, auch die gesamte Belegschaft benimmt sich nicht gerade kooperativ und die unerwartete Anwesenheit seiner Ex- Frau kompliziert die Ermittlungen nachhaltig.

Die Geschichte entfaltet sich langsam und zieht ihre Spannung nicht aus Action, sondern aus einer stetig wachsenden inneren Unruhe.
Ich dachte zuerst, es wäre von der düsteren Stimmung her stark an "Bladerunner 2049" angelehnt, doch der Autor versteht es, seine ganz eigene Welt zu erschaffen, die vor dem inneren Auge bald sehr lebendig wird und ich fühlte mich in diese von Industrie und interplanetaren Großkonzernen beherrschte Atmosphäre hineingezogen.

Die Stimmung des Buches ist kühl, nachdenklich und stellenweise beklemmend. Es liegt eine permanente Schwere über den Seiten – eine Mischung aus Isolation, wissenschaftlicher Neugier und existenzieller Verunsicherung, die besonders durch die Persönlichkeit des Spezialermittlers Alan Bishop deutlich wird.
Als brillanter Ermittler ist er sowohl hartnäckig als auch desillusioniert von seinem Leben und den Erfahrungen, die er im Lauf seiner Karriere machen musste.

Der Weltraum wird hier nicht als heroischer Abenteuerschauplatz inszeniert, sondern als stiller, fremder Raum, der Fragen aufwirft, auf die es keine einfachen Antworten gibt.
Gerade diese Zurückhaltung macht die Atmosphäre so intensiv: Das Unheimliche entsteht nicht durch das Offensichtliche, sondern durch das, was unausgesprochen bleibt und hiervon gibt es eine Menge.

Der Protagonist Bishop hebt sich für mich wohltuend von klassischen Heldenfiguren ab.
Er ist kein strahlender Problemlöser, sondern ein Mensch mit Brüchen, Zweifeln und inneren Konflikten und Geistern aus seiner Vergangenheit.
Seine Gedankenwelt nimmt viel Raum ein – manchmal nüchtern-analytisch, manchmal überraschend emotional.
Dadurch wirkt Alan sehr nahbar, fast verletzlich, was sich besonders gegen Ende des Buches deutlich zeigt.

Die zuvor leise aufgebaute Spannung verdichtet sich nach und nach zu einem intensiven Showdown und währenddessen wird deutlich, dass Alan Bishop hier nicht nur vor äußeren Herausforderungen steht, sondern vor allem emotional bis an seine Grenzen geführt wird.
Entscheidungen, die getroffen werden müssen, haben ein spürbares Gewicht und zwingen ihn, sich seinen innersten Ängsten, Zweifeln und Überzeugungen zu stellen.
Gerade dieser emotionale Höhepunkt wirkt nicht effekthascherisch, sondern konsequent aus der zuvor aufgebauten Atmosphäre heraus entwickelt – und verleiht dem Finale eine nachhaltige Intensität.

Besonders stark finde ich, wie eng Charakterzeichnung und Atmosphäre der von Technik und unheimlich wirkender Schwerindustrie miteinander verwoben sind. Alans Einsamkeit spiegelt sich im Setting wider, seine Unsicherheit färbt die Wahrnehmung der Ereignisse.

Noch lange nach dem Zuklappen hallen bei mir Fragen nach Identität, Verantwortung und vor allem menschlichen Grenzen nach.