Was vergessen war, kehrt zurück, wenn das Meer bereit ist (Zitat S. 60)

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"Das Geschenk des Meeres" (Original "The Fisherman's Gift") von Julia R. Kelly erschien 2025 im mareverlag. (HC, geb., 350 S.). Der Roman hat mich ob des tief berührenden Schreibstils der Autorin (und des wunderschönen Settings an einem kleinen Küsten, einem fiktiven Fischerdorf in Schottland) sehr begeistert!

Inhalt:

"Schottland, Winter 1900. Am Strand von Skerry wird ein lebloser Junge angeschwemmt. Als der Fischer Joseph ihn ins Dorf trägt, erntet er ungläubige Blicke, denn das Kind ähnelt auf unheimliche Weise dem Sohn der Lehrerin Dorothy, der in einer längst vergangenen Nacht ans Meer ging und nie mehr gesehen wurde. Ausgerechnet Dorothy erklärt sich bereit, das rätselhafte Kind aufzunehmen, bis seine Herkunft geklärt ist. Doch die Anwesenheit des Jungen wühlt nicht nur Dorothy auf, sondern stellt die gesamte Dorfgemeinschaft vor Fragen. Weshalb war Joseph sowohl an dem Tag am Strand, als der fremde Junge angespült wurde, als auch in der Nacht, als Dorothys Kind verschwand? Worüber haben Dorothy und Joseph damals so erbittert gestritten? Und warum wurden sie nie ein Paar, obwohl sie sich für jedermann offensichtlich liebten?" (Quelle: Klappentext)

Meine Meinung:

Der Roman bewegt sich auf zwei Erzählebenen (damals, also 1900 und jetzt) und beleuchtet das Geschehen in dem kleinen Fischerdorf zum Zeitpunkt, als das Kind von Dorothy verschwand als auch die Zeit, als Joseph, ein von allen akzeptierter Fischer, einen Jungen zum Pfarrhaus bringt, der angeschwemmt wurde und noch am Leben ist.

Es ist ein Roman, der einen bereits auf den ersten Seiten durch die Atmosphäre und den eingängigen, glasklaren und unterhaltsamen sowie spannenden Stil der Autorin tief in die Handlung eintauchen lässt: Er wartet mit sehr sympathischen Figuren auf, allen voran Joseph und auch Dorothy wie auch Mrs. Brown, die den Dorfladen führt und über alle Geschehnisse im Dorf im Bilde ist: Es gibt Klatsch und Tratsch, dem Mrs. Brown jedoch zuweilen ein Ende bereitet; besonders mag sie es nicht, wenn man Joseph hinter vorgehaltener Hand vorwirft, etwas mit dem Tod von Moses, dem Sohn Dorothys, zu tun zu haben. Man begleitet die Protagonisten von ihrer Ankunft (Dorothy, die als Lehrerin ihre erste Stelle antritt und zuvor in Edinburgh mit ihrer Mutter lebte) an und nimmt an Schicksalsschlägen und Fehlentscheidungen teil, die zu erheblichen Umwegen führen: Diese sind so intensiv beschrieben (und jeweils aus verschiedenen Perspektiven), dass man mit den Figuren mitleidet, liebt und auch enttäuscht ist: Bei Dorothy fiel mir auf, wie sehr sie durch ihre lieblose Mutter, die sie sehr negativ prägte und ihr Selbstwertgefühl und ihre Selbstsicherheit bereits als Kind begraben hatte, diese negative Einstellung zu sich selbst, die zu Unsicherheit, Schroffheit und Misstrauen führte, lange in ihrem schicksalhaften Leben weiterführte. Sie lebte in Mustern, die nicht ihre waren - einzig Joseph verstand diese Unsicherheit und mochte ihre spröde Art auf seine Weise, verliebte sich in sie.

Eine andere Frau, Agnes, spielt in dem Beziehungsgeflecht und Vorstellungen eine erhebliche Rolle; träumt sie doch davon, dass Joseph ihr Ehemann wird, was ihre Mutter auf ihre Weise forciert. Daher gefällt Jeanie und Agnes sehr wenig, dass Joseph samstags ins Haus der Lehrerin geht, da er vom Pfarrer den Auftrag erhielt, die undichten Fenster dort zu reparieren. Es ist nicht zu überlesen, wie sehr sich beide, Joseph und Dorothy, zueinander hingezogen fühlen; doch in die Zeit um 1900 fällt auch die Unmöglichkeit, dass Lehrerinnen heiraten und ihren Beruf ausüben dürfen; doch dies ist hier nur ein Aspekt, denn Dorothy fällt in ihre alten Muster zurück und verlässt das Haus, um Joseph auszuweichen. Ob die beiden jemals zueinanderfinden werden?

Ich fand die atmosphärische Beschreibung des winterlichen Fischerdorfes, die Schicksale und Tragödien, die sich hier ereignen und die Fehlentscheidungen der ProtagonistInnen unglaublich berührend und von intensiver emotionaler Tiefe. Auch die Anspielung auf die schottische Mythologie in Form der "Wellenkinder", die mich an Selkies erinnerten; die Feste wie Ceilidh und das Kinderfest zu Hogmanay waren wunderschön und bildgewaltig beschrieben. Besonders Mrs. Brown mochte ich sehr, da sie trotz aller eigenen Schicksalsschläge andere stets so annahm, wie sie waren und der Dorothy, die lange Außenseiterin im Dorf war und auch in der Schule anfangs große Mühe hatte, sich durchzusetzen, schließlich ihr Herz öffnete und beide Frauen sich Halt in bitteren Zeiten gaben. Der Junge, der in Dorothys Leben trat und von dem nicht klar war, woher er stammte, versöhnte sie letztendlich mit ihrem schweren Verlust und sorgte letztendlich dafür, dass sie ihr Herz wieder öffnen konnte. Von diesem Prozess und dem Wunsch, wieder glücklich zu sein, handelt dieser Roman, der berührend um Verlust, Liebe, Enttäuschung, vorhandene Muster, Dorfleben und großen menschlichen Dramen handelt; das Größte davon ist wohl, ein Kind zu verlieren - und weiterleben zu können.

So sind die Aussprachen am Ende des Romans (zwischen Jane und Dorothy; aber auch anderen) sehr bewegend und berührend wie auch tragisch. Dorothy denkt über "Geheimnisse und Lügen nach und darüber, dass es an der Zeit ist, die Bürde abzulegen" (S. 321). Und so erfährt der geneigte Leser dieses wundervollen Romans nach und nach, was sich in jener Nacht, als Dorothys Sohn verschwand, wirklich ereignete...

Fazit:

Ein Roman, der im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut geht; voller emotionaler Tiefe und auch Menschlichkeit ist. Mit fein gezeichneten Charakteren aufwartet, die trotz Fehlentscheidungen (und teils -verhalten) sympathisch bleiben, da man die Hintergründe erfährt, die zum jeweiligen Handeln beitrugen. Julia R. Kelly hat hier ein Début vorgelegt mit einem Maß an emotionaler und auch tragischer Tiefe, das einem zuweilen den Atem raubt. Das Meer als weiterer Hauptprotagonist trägt das Seine dazu bei. Eine absolute Empfehlung von mir und ein Chapeau an die Autorin! Ich hoffe auf weitere Romane von ihr und vergebe 5*