Hintergründige Politsatire und Gesellschaftsporträt

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federfee Avatar

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Was ein Problem und der Versuch seiner Lösung über unsere Gesellschaft und die politischen Mechanismen verrät

Für mich geht es hier um die Machenschaften der Politik, ihre ‘Spielchen’ und Mechanismen und wie das mit den Einstellungen der Bevölkerung, der Bürger zusammenhängt und sich gegenseitig bedingt. Schoeters hat das einsichtig in einen Roman verpackt, in eine Satire, die durch die ‘Elefantensache’ den Leser bei der Stange hält, auch mal schmunzeln lässt, was mir allerdings schnell vergangen ist.

Deutschland, seine Gesellschaft und seine Politiker spielen die Hauptrolle. Die Populisten sind auf dem Vormarsch und versuchen, ‘die Demokratie mit imaginären Schreckgespenstern ins Wanken zu bringen’ (28). Der Unmut der Bevölkerung über einschränkende Maßnahmen kommt den populistischen Parteien zugute. Die dreschen nur Phrasen, kritisieren, haben aber keine Lösung zu bieten.

Der Paukenschlag: Präsident Tebogo von Botswana hat Deutschland 20.000 Elefanten ‘geschenkt’, die schon in Berlin aufgetaucht sind und alles durcheinanderbringen. Tebogos Anruf erklärt den Grund: die Verschärfung des Elfenbein-Importgesetzes hier in Verbindung mit dem Artenschutzprogramm dort führt in Botswana zu großen Problemen für die Bevölkerung durch die Überpopulation von Elefanten. Der Vorwurf: ‘Ihr Europäer wollt uns vorschreiben, wie wir zu leben haben.’ (34). Und jetzt muss Deutschland selber sehen, wie es mit dem Elefantenproblem, euphemistisch ‘Elefanten-Situation‘ genannt, fertig wird. Da fällt sogar der Spruch ‘Wir schaffen das.’

Und dann häufen sich die Probleme so wie der Elefantendung, die ‘noble Kacke’: invasive Arten bedrohen ebenso wie mehr Insekten und somit die Gefahr von Tropenkrankheiten, der Verkehr ist gefährdet, alles wird kahl gefressen u.v.m.
In typischer Manier versucht die Politik das, was so schnell nicht zu ändern ist, zu verwerten (den Dung), es den Bürgern als positiv zu verkaufen und was der Tricks und Machenschaften mehr sind ohne die Menschen zu verstören, z.B. durch Töten eines Elefanten. Bei der Wahrnehmungsveränderung spielen die Medien eine große Rolle: Elefanten als nationale Maskottchen, als touristische Attraktion, eine Elefanten-Liebesgeschichte, ein niedlicher neugeborener Elefant und rührende Interaktionen mit Menschen, dazu die merkantile Verwertung von Keksen bis zum Computerspiel.

In der Politik kommt so einiges zutage: Kompetenzgerangel, Streit um die Zuständigkeiten, die Notwendigkeit eines ‘Sündenbocks’ für unpopuläre Maßnahmen. Des Kanzlers neu ernannte Elefantenministerin, die sich der drohenden Klimakrise mit gravierenden Folgen voll bewusst ist, entwickelt nach und nach utopische Ansichten und Vorschläge, die niemals die Zustimmung der Mehrheit finden werden wie z.B. Auflösung großer Viehzuchtbetriebe oder Einschränkung des Güterverkehrs. Sie fasst die Lage, die Probleme, die drohenden Aussichten zusammen, wird damit aber niemals Gehör und Zustimmung finden.

'Die Klimakrise wird alle anderen Probleme, mit denen wir uns herumschlagen, einholen und irrelevant machen.’ (117/8)

Doch zum Schluss die Erkenntnis, die zu einem Drittstaaten-Deal mit Ruanda führt:

‘Das Zusammenleben mit wilden Tieren ist in einem zivilisierten, industrialisierten Land unmöglich.’ (109)

Der Kanzler musste sich entscheiden: ‘das Richtige’ tun oder an der Macht bleiben. Er wählte letzteres, gewann die Wahl knapp, das einzige, was zählt: er wird wieder Bundeskanzler.

Fazit
In der leicht absurden Elefantengeschichte werden von Gaea Schoeters geschickt gesellschaftliche Themen angesprochen: die Tricks, Machenschaften und Mechanismen der Politik und der Zustand der Gesellschaft, was natürlich in Wechselwirkung zueinander steht und die Unfähigkeit, weit in die Zukunft zu denken und unpopuläre Maßnahmen zu ergreifen. Lösungen schlägt die Autorin nicht vor; es kann sie auch nicht geben, zu komplex ist die Lage.

Aber es ist das große Verdienst dieses Buches, auf vordergründig amüsante Art Nachdenken und Diskussionen anzustoßen. Für mich ist es ein Highlight, das noch sehr lange nachwirken wird.

P.S. Zwei interessante Links:
Zum ‘Shifting Baseline Syndrome’, der kollektiven Wahrnehmungsverschiebung https://nachhaltig-in-graz.at/was-ist-das-shifting-baseline-syndrom/
Ein Interview mit Gaea Schoeters im Hanser-Verlag
https://www.hanser-literaturverlage.de/beitrag/5-fragen-an-gaea-schoeters-b-702