Zwischen Routine und Neuanfang – ein leiser Auftakt

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Der erste Eindruck von "Das glückliche Leben" von David Foenkinos ist leise, subtil und trotzdem kraftvoll. Kein Paukenschlag, sondern eher ein melancholisches Innehalten – aber eines, das mich neugierig gemacht hat.

„Éric Kherson hatte immer Angst vor Flugreisen.“ – ein so ruhiger, beinahe unscheinbarer erster Satz, und doch steckt darin schon ein Thema, das sich durch den Beginn zieht: das ständige Schwanken zwischen Angst und Sehnsucht, Stillstand und Aufbruch. Éric, erfolgreicher Manager bei Decathlon, wirkt auf den ersten Blick wie jemand, der alles im Griff hat – doch sehr schnell bröckelt dieses Bild. Seine Müdigkeit, seine Sinnkrise, seine leise Lebensmüdigkeit sind greifbar und gut geschrieben, ohne in Pathos abzudriften.

Was mir besonders gefallen hat, ist die präzise Beobachtung von Beziehungen – sei es zu Kolleg\:innen, zur alten Schulfreundin Amélie, die ihm einen radikalen Jobwechsel ermöglicht, oder zu seinem Sohn. Auch Amélie bleibt keine bloße Funktionsträgerin, sondern wirkt mit ihren unberechenbaren Stimmungsschwankungen und ihrer kalkulierten Herzlichkeit spannend ambivalent.

Der Schreibstil? Angenehm klar, manchmal fast zu nüchtern, aber das passt hier: die Leere, die Routine, die unterschwellige Melancholie werden gerade durch diese Klarheit stark. Ich mochte besonders die Sätze, die wie beiläufig klingen, aber sehr viel sagen – zum Beispiel: „Er lächelte, um den Riss zu verbergen.“

Bleiben Fragen: Was treibt Amélie wirklich an? Wird Éric sich in diesem neuen Leben finden – oder noch weiter verlieren? Und was bedeutet eigentlich „das glückliche Leben“?

Ich lese auf jeden Fall weiter.