Außenseiter

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bookworld91 Avatar

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Eine Flucht über Grenzen. Ein Muster, dass sich über Generationen wiederholt. Doch was bedeutet Annis Entscheidung für ihre Tochter und Enkelin? Darum geht es in „Das gute Leben“.

Anni ist 1960 schwanger aus Rumänien geflüchtet. Als alleinerziehende Mutter schlägt sie sich hinter den Fließband von Quelle durch. Als sie ein Haus erbt, wird manches einfacher, aber auch einiges schwerer. Zum Beispiel der Bruch mit Tochter Helene, die sich nach Amerika absetzt und Enkelin Christina bei Anni zurücklässt. Ehe Anni später stirbt…

Ich mag die Thematik als solche sehr gerne. Vorurteile, überarbeitete Mütter, unterdrückte Gefühle und mangelnde Kommunikation sind sehr präsent und werden ruhig abgearbeitet. Damit reiht sich der Roman in eine Reihe von Neuerscheinungen ein . Dennoch löst sich der Roman durch die Aufarbeitung und Identitätsfindung auf der einen Seite und das jeweils gefestigte Leben (eigener Job, selbst gefunden) auf der anderen Seite von Romanen wie Die Riesinnen, Halber Stein und Niemandstochter ab. Es ist ein Mosaik aus selbstbestimmten Leben inklusive aller Konsequenzen und Außenseiterposition durch Migration und gesellschaftlicher Stellung. Die Aufarbeitung geschieht auf zwei Ebenen: durch Anni als Rückblick und durch Christina in der Gegenwart. Anni beschreibt direkt, sensibel und verzweifelt, aber auch hoffnungsvoll und rebellisch. Christina hingegen ist skeptisch, verzweifelt und auch irritiert hinsichtlich der Geheimnisse.
Die unterschiedlichen Erzählweisen führen zu Längen in der Gegenwart, da Christina nicht in die Geheimnisse involviert ist. Annis Geschichte offenbart sich ihr nach und nach, sodass sich nach dem Tod der Großmutter die Geschichte in die Länge zieht. Auch die fehlende Akzeptanz der Familie in Rumänien zeigt sich erst Stück für Stück nach Annis Tod. Das verdeutlicht mir, wie tief die Wunden sind, allerdings hätte ich mir mehr Tiefe gewünscht.
Insgesamt gebe ich vier Sterne für dieses Werk voller Suche und Finden von Identität.