Berührender Familienroman - vom Leben in zwei Ländern
Christinas Großmutter Anni, bei der sie aufgewachsen ist, hat ihr ein Häuschen im Raum Nürnberg vererbt. Für Christina kam Annis Tod überraschend, sie hatte – aus der Distanz ihres Lebens in Berlin – die Mitte 70-Jährige für geistig und körperlich noch fit gehalten. Am Ende des Sommers wirkt der Garten schon nach kurzer Vernachlässigung verdorrt. Ihn Annis Ansprüchen wieder anzugleichen, wäre eine Mordsarbeit. Anni stammt aus einer deutschen Familie im Banat. Gartenarbeit war dort Pflicht, Lebensgrundlage und Mittel zur Abgrenzung gegenüber anderen Volksgruppen. Eine Wahl, keine Lust zu haben oder sich die Arbeit erleichtern zu wollen, existierte nicht. Zum Leben mit Garten gehörten die Sommerküche außerhalb des Hauses ebenso, wie das gegrillte Gemüse für Sakuska und die Trauben, die natürlich nur hier im Klima Rumäniens in dieser Qualität wuchsen. Christina wird sich in Annis Haus (das die Großmutter von ihrem Onkel geerbt hatte) mit ihrer Mutter Helene treffen. In der Zwischenzeit rekapituliert sie ihr Aufwachsen bei Anni und realisiert, dass ihre Großmutter das Banat mit nach Deutschland brachte und sich damit einen eigenen Kerker schuf.
Als Anni circa in den 1960ern ungeplant schwanger wird, überlistet sie raffiniert das korrupte System, in dem stets jemand die Hand aufhält, und flüchtet mit offizieller Reiseerlaubnis zu ihrem Bruder in die Region Nürnberg/Fürth. Nachdem Onkel und Patentante ihr deutlich die Tür gewiesen haben, bleibt Anni nur, beim Bruder unterzuschlüpfen, der äußerst bescheiden lebt. Sie wird bis zur Insolvenz des Versandhauses & Reisebüros Quelle 2009 dort arbeiten und sich - nach einer persönlichen Begegnung mit der Inhaberin Grete Schickedanz - mit der Firma überidentifizieren. Annis Tochter Helene lebt seit langem in den USA und hat offenbar Christina bei der berufstätigen und in einfachen Verhältnissen lebenden Anni zurückgelassen. Die Familienbeziehungen, die ich gern mit einer Ahnentafel im Blick behalten hätte, und die besondere Art der Hoffmanns, um die Dinge herumzureden, lassen ahnen, dass in dieser Familie nichts einfach sein wird. „Wir verkleiden unsere Worte gern“. Wenn da auch hier bedeutet und man sich über die Bewegung von da nach hier streitet, kann das die Probleme nur verschlimmern.
Nadine Schneider erzählt das Schicksal der vier Frauen (Annis Mutter, die nicht mit nach Deutschland aussiedeln wollte, Annie, Helene und Christina), von denen die beiden älteren Frauen Banater Traditionen verinnerlicht haben, mit denen die deutsche Minderheit sich von anderen Nationalitäten im Vielvölkerstaat abgrenzte. Enkelin Christina wechselt in Ichform zwischen Gegenwart, Kindheitserinnerungen, Träumen, Dokumenten und einem vom Onkel gedrehten Video der „alten Heimat“. Über Anni in mehreren Lebensabschnitten erfahren wir aus der Perspektive einer neutralen Erzählstimme, die indirekt durch Annis Erleben auch von ihrer Mutter berichtet. Konflikte zwischen den Frauen werden überlagert durch die seit der Kränkung durch die staatliche Enteignung landwirtschaftlichen Besitzes 1945 andauernde Willkürherrschaft, in der man stets damit rechnen musste, dass einem etwas genommen wird, das andere Menschen begehren. Annis Schicksal steht stellvertretend für Erlebnisse weiterer geflüchteter oder ausgesiedelter Volksgruppen, die mit einem neuen Garten die Sehnsucht nach der alten Heimat lebendig halten. Wer hätte in einer Familie mit Schicksalen Geflüchteter nicht über Generationen von Vaters besonderem Apfelbaum erzählt, vom Dorfteich, in dem man Schwimmen lernte, oder eben den besonderen Trauben, für die ein letztes Mal ein Trieb von Großmutters Rebstock geholt wird …
Fazit
Ein berührender Roman, der einige Geduld erfordert, wenn Helenes Geschichte durch das Erzählen über Anni allmählich Gestalt annimmt. Die Autorin erzählt einfühlsam vom Leben in zwei Ländern, vom Zurücklassen beider Leben und wirft dabei einen Blick auf deutsche Wirtschaftsgeschichte nach 1945.
Als Anni circa in den 1960ern ungeplant schwanger wird, überlistet sie raffiniert das korrupte System, in dem stets jemand die Hand aufhält, und flüchtet mit offizieller Reiseerlaubnis zu ihrem Bruder in die Region Nürnberg/Fürth. Nachdem Onkel und Patentante ihr deutlich die Tür gewiesen haben, bleibt Anni nur, beim Bruder unterzuschlüpfen, der äußerst bescheiden lebt. Sie wird bis zur Insolvenz des Versandhauses & Reisebüros Quelle 2009 dort arbeiten und sich - nach einer persönlichen Begegnung mit der Inhaberin Grete Schickedanz - mit der Firma überidentifizieren. Annis Tochter Helene lebt seit langem in den USA und hat offenbar Christina bei der berufstätigen und in einfachen Verhältnissen lebenden Anni zurückgelassen. Die Familienbeziehungen, die ich gern mit einer Ahnentafel im Blick behalten hätte, und die besondere Art der Hoffmanns, um die Dinge herumzureden, lassen ahnen, dass in dieser Familie nichts einfach sein wird. „Wir verkleiden unsere Worte gern“. Wenn da auch hier bedeutet und man sich über die Bewegung von da nach hier streitet, kann das die Probleme nur verschlimmern.
Nadine Schneider erzählt das Schicksal der vier Frauen (Annis Mutter, die nicht mit nach Deutschland aussiedeln wollte, Annie, Helene und Christina), von denen die beiden älteren Frauen Banater Traditionen verinnerlicht haben, mit denen die deutsche Minderheit sich von anderen Nationalitäten im Vielvölkerstaat abgrenzte. Enkelin Christina wechselt in Ichform zwischen Gegenwart, Kindheitserinnerungen, Träumen, Dokumenten und einem vom Onkel gedrehten Video der „alten Heimat“. Über Anni in mehreren Lebensabschnitten erfahren wir aus der Perspektive einer neutralen Erzählstimme, die indirekt durch Annis Erleben auch von ihrer Mutter berichtet. Konflikte zwischen den Frauen werden überlagert durch die seit der Kränkung durch die staatliche Enteignung landwirtschaftlichen Besitzes 1945 andauernde Willkürherrschaft, in der man stets damit rechnen musste, dass einem etwas genommen wird, das andere Menschen begehren. Annis Schicksal steht stellvertretend für Erlebnisse weiterer geflüchteter oder ausgesiedelter Volksgruppen, die mit einem neuen Garten die Sehnsucht nach der alten Heimat lebendig halten. Wer hätte in einer Familie mit Schicksalen Geflüchteter nicht über Generationen von Vaters besonderem Apfelbaum erzählt, vom Dorfteich, in dem man Schwimmen lernte, oder eben den besonderen Trauben, für die ein letztes Mal ein Trieb von Großmutters Rebstock geholt wird …
Fazit
Ein berührender Roman, der einige Geduld erfordert, wenn Helenes Geschichte durch das Erzählen über Anni allmählich Gestalt annimmt. Die Autorin erzählt einfühlsam vom Leben in zwei Ländern, vom Zurücklassen beider Leben und wirft dabei einen Blick auf deutsche Wirtschaftsgeschichte nach 1945.