Ein gutes Leben?
Die 1990 geborene Autorin Nadine Schreiber erzählt in ihrem dritten Roman die Geschichte von vier Frauen über die Generationen hinweg.
Im Zentrum steht Anni, die als junge Frau in den 1960er Jahren ihre rumänische Heimat verlässt, um in Deutschland ein „gutes Leben“ zu finden. Sie ist schwanger, doch diese Tatsache soll ihr nicht im Weg stehen. Den Kindsvater lässt sie zurück, keiner soll sie aufhalten. Sie will nicht versauern in ihrem Dorf, will den Dreck und die Armut hinter sich lassen. Und so macht sie sich auf, zunächst nach Österreich zu ihrem Vater, dann weiter nach Nürnberg, wo ihr Bruder schon länger lebt.
Aber einfach wird es nicht werden für Anni. Nur widerwillig lässt sie ihr Bruder bei sich wohnen. Anni findet Arbeit beim Versandhandel Quelle, wo sie tagein, tagaus Pakete füllt. Die Arbeit dort gibt ihr Halt und Sicherheit, die Firma ist wie eine Familie für sie. Ihr Leben lang wird sie von einer Begegnung mit der Firmenchefin zehren; Grete Schickedanz bleibt ihr unangefochtenes Idol. Umso härter trifft sie die Kündigung kurz vor ihrer Rente, als das Unternehmen gezwungen ist, Personal abzubauen.
Anni zahlt einen harten Preis für ein besseres Leben. Sie hat zwar auch Glück, so vermacht ihr z.B. ein Onkel sein Haus, doch „wenn sie mal einer gefragt hätte, hätte sie gesagt, dass sie nicht das allergrößte Stück vom Kuchen abgekriegt hat,…. und dass ihr dieses Stück auch keiner geschenkt hat, und während alle vom Wirtschaftswunder redeten, stand sie sich mit der Kati und Hunderten von anderen Frauen jeden Tag die Beine in den Bauch, damit die Leute ihre schönen Pakete bekamen,…“
Und zugehörig hat sich Anni in Deutschland nie gefühlt. Aus der selbstbewussten, aufmüpfigen jungen Frau, die zielbewusst ihre alte Heimat verlassen hat, wird eine Frau, die ihre Stimme verliert, sich anpasst und beinahe verschwindet.
Das alles lässt sie verhärten. Ihren Zorn bekommen aber nur die Menschen in ihrer nächsten Umgebung zu spüren.
Das macht sie als Charakter nicht unbedingt sympathisch, glaubwürdig allerdings schon.
Männer kommen im Roman kaum vor, wenn, nur am Rande. Die Väter sind abwesend, das beginnt schon mit Annis Vater. Der zählte als Banater Schwabe zur deutschen Minderheit in Rumänien und schloss sich während der deutschen Besatzung den Nazis an. Aus Furcht vor Vergeltung ging er nach dem Krieg nach Österreich, wo er wieder heiratete. Anni hat früh gelernt, dass Väter für die Kindererziehung entbehrlich sind, sie hat schließlich auch keinen Vater gebraucht. So zieht sie erst Tochter Helene alleine auf und als diese irgendwann nach Florida verschwindet und ihre 10jährige Tochter Christina zurücklässt, kümmert sie sich um die Enkelin. „Das erste Kind, Helene, bringt Anni durch, doch das zweite, Helenes Kind, liebt sie dann.“ Mit dem eigenen Kind ist Anni überfordert, da fehlt ihr die Zeit und die Geduld. So greift sie oft zu drastischen Maßnahmen: „Für das Kind gibt es den Kochlöffel. Für das Kind gibt es die Hand, den Besen …“ und einmal fliegt sogar ein Bügeleisen durch das Zimmer.
Nadine Schneider beginnt ihre Geschichte mit dem Tod von Anni. Enkelin Christina erbt ihr Haus in der Nähe von Nürnberg. Aus der Ich-Perspektive erfahren wir nun, wie es Christina beim Ausräumen des Hauses geht. Dabei erinnert sie sich an ihre Kindheit und Jugend bei der Großmutter, an die vielen Sommer in Rumänien bei der Urgroßmutter. Wehmut erfüllt sie bei dem Gedanken, dass sie ihrer Großmutter noch so viele Fragen stellen wollte und nun ist der Zeitpunkt für intensive Gespräche verstrichen.
Parallel dazu wird in Rückblenden Annis Leben aufgeblättert.
Über Helene erfährt man dabei wenig. Wie Anni ist auch sie früh Mutter geworden, ohne einen Mann an ihrer Seite. Und ihre Tochter habe sie zurückgelassen, weil sie befürchtet hat, sie könne eine solche Mutter wie Anni werden. Ob das nur eine Ausrede ist, mag der Lesende beurteilen
Der Roman erzählt von schwierigen Mutter-Tochter-Beziehungen, von der Unfähigkeit zur Kommunikation, von verpassten Möglichkeiten und der Suche nach einem Platz im Leben.
Auch wenn ich mit den Charakteren, ihren Handlungsweisen und Beweggründen oft gehadert habe, so weiß ich das literarische Können der Autorin zu schätzen. Die Erzählebenen werden kunstvoll verwoben; aus vielen Mosaiksteinchen ergibt sich ein Gesamtbild. Trotzdem bleiben viele Leerstellen und der Text lässt Raum für eigene Interpretationen. Mit ihrer präzisen und zugleich bilderreichen Sprache schafft sie Atmospäre und lässt ihre Figuren lebendig werden.
Trotz der vorherrschenden Melancholie endet der Roman versöhnlich. Christina und Helene sind fähig zu einem wirklichen Gespräch. Und für das Verbindende zwischen den Generationen von Frauen steht ein Rebstock. Ursprünglich im Garten in Rumänien gewachsen, von Anni nach Nürnberg gebracht, wandert nun ein Trieb in die Berliner Wohnung von Christina.
Die Autorin lässt einiges aus ihrer eigenen Familiengeschichte in den Roman einfließen. Ihre Familie sind Aussiedler aus dem Banat, ihre Großmutter hat bei Quelle gearbeitet.
„Das gute Leben“ ist eine lesenswerte Familiengeschichte, die genug Stoff liefert zum Nachdenken und Diskutieren .