Feines psychologisches Gespür
Mit großer Spannung habe ich auf Nadine Schneiders neuen Roman gewartet, der als Spitzentitel bei Fischer angekündigt wurde. Schon in der Leseprobe hat mich die Sprache überzeugt, die ein feines Gespür der Autorin für zwischenmenschliche Dynamiken, Unausgesprochenes und diffuse Gefühle zeigt. Über den Roman hinweg war es auch genau das, was mich immer wieder überzeugt hat: Nadine Schneider gelingt es, viele zarte Fäden zu weben, emotionale Verwicklungen dort spürbar zu machen, wo sie sich gar nicht explizit in Worte fassen oder überhaupt greifen lassen. Was mir etwas gefehlt hat, war eine voranschreitende Handlung, vor allem auf der heutigen Zeitebene der Ich-Erzählerin - dort hatte ich das Gefühl, als Leserin auf der Stelle zu treten, als diente diese Ebene nur der Rahmengebung für die anderen Erzählebenen, was es stellenweise etwas langatmig machte. Wer jedoch ein sprachliches Leseerlebnis sucht, das sich erst sehr leise anfühlt, schließlich durch die zarten, psychologischen Verwebungen jedoch ein fast lautes Gefühl hinterlässt, der sollte diesen Roman auf jeden Fall lesen.