leise, eindringliche Familiengeschichte

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vanessa_91 Avatar

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Meine Meinung

"Das gute Leben" ist ein ruhiger, nachdenklicher Generationenroman über vier Frauen, deren Leben zwischen Rumänien und Deutschland miteinander verwoben sind. Im Mittelpunkt steht Christina, die nach dem Tod ihrer Großmutter Anni in das alte Haus zurückkehrt. Wir begleiten sie und die ganzen Erinnerungen die ihr geblieben sind. Die unterschiedlichen Blickwinkel sind gut dargestellt, auch wenn ich manchmal überlegen muss wer jetzt die Mutter, Tochter, Oma usw. ist, wenn gewechselt wird..

Die Atmosphäre des Spätsommers, die reifen Trauben im Garten, das Öffnen der Vergangenheit fand ich gut umgesetzt. Man erfährt mehr, auch die Art, wie Annis Leben sichtbar wird ist gelungen umgesetzt. Ihre Flucht aus Rumänien, ihr Neubeginn in Deutschland, die harte Arbeit beim Quelle‑Versand, das Alleinsein, das Pflichtgefühl ... Ich habe beim Lesen oft gedacht, wie viel Kraft in einem Leben stecken kann, das von außen unspektakulär wirkt.

Die Sprache des Romans empfand ich als ruhig, klar und flüssig und teilweise poetisch. Die Streitgespräche authentisch. Schön fand ich auch, dass der Titel des Buches sich in mir in eine Frage gewandelt hatte, nämlich: Was bleibt von einem Leben? Was geben wir weiter? Und was bedeutet es überhaupt, ein „gutes Leben“ geführt zu haben?

Der Roman hat mich daran erinnert, wie sehr die Geschichten unserer Mütter und Großmütter in uns weiterleben, selbst wenn wir sie erst spät wirklich verstehen. Und es zeigt auch, wie lange Wut in einem Verweilen kann. Und vielleicht geht es vielen Leser:innen auch wie mir, dass man durch das Buch wieder an seine Großeltern (und die, die das Glück haben durften die Urgroßeltern noch kennenzulernen auch an diese) zurückzudenken. Der Roman wirkt durch Atmosphäre und viele Erinnerungen, weniger durch Handlung.



Über die Autorin

Nadine Schneider, geboren 1990 in Nürnberg, stammt aus einer rumäniendeutschen Familie. Sie studierte Musikwissenschaft und Germanistik in Regensburg, Cremona und Berlin. Ihr erster Roman »Drei Kilometer« wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Literaturpreis der Stadt Fulda. 2021 las sie beim Ingeborg-Bachmann-Preis. Im selben Jahr erschien ihr zweiter Roman »Wohin ich immer gehe«. Nadine Schneider lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Nürnberg.

Quelle: Verlag / vlb