Von der Suche nach einem (vermeintlich) guten Leben
"Ein gutes Leben" von Nadine Schneider erschien im S. Fischer-Verlag (2026, HC, geb., 304 Seiten) und beschäftigt sich (wie ich recherchierte, da mir die Autorin mit deutsch-rumänischen Wurzeln bisher nicht bekannt war) auch in diesem Roman mit der Geschichte einer Auswanderung von Rumänien nach Deutschland.
In diesem Roman tritt die Hauptprotagonistin Anni in Erscheinung, die Mitte der 60er Jahre (sie ist gerade mal 22 und schwanger) beschließt, nach Deutschland zu emigrieren, da sie für sich und ihr Kind keine Perspektive in Rumänien sieht (was ich persönlich als sehr mutig empfinde und der Hauptgrund war, diesen Roman lesen zu wollen).
Anni gelingt es, die Hürde, ausreisen zu dürfen, nehmen zu können (sie ist nicht gerade auf den Mund gefallen; kann auch sehr bestimmt auftreten) und plagt sich dennoch mit Schuldgefühlen, da sie sich fragt, was aus ihrer Mutter werden soll, wenn sie ohne sie zurechtkommen muss (der Bruder ist bereits in Deutschland). So führt ihre Reise (Mitte der 60er Jahre) über Österreich, wo sie nach 20 Jahren ihren Vater erstmals wiedersieht, nach Nürnberg, wo auch der Bruder lebt: Wie sich herausstellt, ist die kleine Wohnung sehr eng und düster; Anni kann sich nicht vorstellen, dass dies für längere Zeit mit ihrem Kind das Richtige sein wird. Die "Sippschaft" (die Anni nicht mag), hat jedoch keinen Platz für sie und ihr Kind und so bleibt sie erst einmal beim Bruder, dessen Leben aus viel Arbeit besteht; die beiden haben kaum Berührungspunkte.
Die Situation ändert sich, als Anni sich mithilfe der ihr mutmachenden Kati, einer Ungarin, die ihre erste Freundin werden sollte, im Versandhaus Quelle vorstellt: Sie wird kurz darauf als Verpackerin eingestellt und steht tagaus, tagein in einer großen und lauten Halle mit vielen KollegInnen, die die Pakete ins Wirtschaftswunderland versenden. Nun beginnt Anni, die bisher alleine und einsam war, sich vorwiegend um ihre Tochter Helene kümmerte, Hoffnung zu sehen, "dass es aufwärts geht". Ein Onkel versprach ihr zumindest, dass sie nach seinem Tod sein Haus erben solle; was dieser auch eingehalten hat.
So arbeitet Anni über 35 Jahre bei Quelle bis kurz vor der Schließung 2009 und zieht nicht nur Helene, ihre Tochter, alleine groß - sondern auch ihre Enkeltochter Christina, die sich hier nach dem Tode Annis in Rückblicken an ihre Großmutter erinnert. Die Frage ist, ob sie das Haus von Anni verkaufen sollte - und ob sie bereit dazu ist, sich dem Loslassen zu stellen, da sie in Berlin lebt und arbeitet.
Ein Teil des Gartens ist von Weinreben bedeckt: Diese hat Anni einst von ihrer Mutter aus Rumänien mitgebracht; ob er auch in Berlin anwächst? Diesen Romanteil fand ich irgendwie tröstlich, da sehr viel Einsamkeit, Ängste, Fremdsein, auch Überforderung aus den Zeilen sprach: Trotz aller Zerrissenheit der Familie (die Mutter von Christina, Helene, lebt in Florida) hat dieser Weinstock, der stets "mitwandert", eine Bedeutung. Er ist quasi eine Verbindung zwischen Rumänien, Deutschland (Nürnberg und jetzt Berlin) und eine wunderschöne Metapher.
Annis Ängste, ihr Fremdsein und auch ihre Einsamkeit in den ersten Jahren werden sehr gut sprachlich dargestellt; allerdings ist der Roman eher prosaisch und sehr nüchtern geschrieben. Zu einem ernsten, anspruchsvollen Thema wie diesem passt dieser zwar, jedoch muss man sich recht viel emotional 'zusammenreimen', besonders Helene oder Nebenfiguren wie den Bruder oder die Urgroßmutter betreffend. Stilistisch ist er eine Herausforderung, da er viel Konzentration des Lesers erfordert: Zeitlich gibt es unglaublich viele Sprünge, so dass das Lesen für mich zwar interessant, aber auch eher anstrengend war. Hier hätte ich mir eine andere Lösung gewünscht; etwa ein Roman auf mehreren Zeitebenen, in denen man sich dann gleich zurechtfindet, da man sie besser zuordnen kann. Der Stil ist aber auch atmosphärisch und flüssig, so dass man relativ schnell in der Handlung ankommt. Auch stellt man sich die tiefgehende Frage, ob Anni das Leben gefunden hatte, das sie suchte, als sie in den 60er Jahren nach Deutschland kam: Ich empfand Ärger, dass diese mutige junge Frau zeitlebens als Verpackerin arbeiten sollte und hinter ihren beruflichen Möglichkeiten zurückbleiben musste, da sich hierfür zu dieser Zeit sicher keine Chancen auftaten. Zu denken gibt auch, dass eine offene, nicht schüchterne junge Frau in der Fremde eher 'kleinlaut' wird, aus sprachlichen Gründen fortan leise spricht; nicht zu hören ist (und sich auch niemals beschwert). Diese Punkte hat Nadine Schneider hervorragend in den vier Romanteilen herausgearbeitet.
Fazit:
Ein bewegender und auch betroffen machender Roman, der die Emigration einer rumänisch-deutschen jungen Frau sehr gut darstellt und hierbei in prosaischer Weise in die Tiefe geht; auch anspruchsvoll und lesenswert ist. Allerdings verlangen zahlreiche abrupte Zeitsprünge dem geneigten Leser einiges an Konzentration ab, die das Lesen auch anstrengend machen. Ich hätte mir z.B. verschiedene Zeitstränge, die zusammenlaufen, besser vorstellen können. "Das gute Leben" erhält von mir 3,5 * und eine Empfehlung an alle LeserInnen, die sich mit dem Thema Emigration, Fremdsein, reale Lebensläufe in den 60er Jahren bis heute (und politische Verhältnisse, die hier auch Erwähnung finden) beschäftigen möchten und diese Themen interessant finden.
In diesem Roman tritt die Hauptprotagonistin Anni in Erscheinung, die Mitte der 60er Jahre (sie ist gerade mal 22 und schwanger) beschließt, nach Deutschland zu emigrieren, da sie für sich und ihr Kind keine Perspektive in Rumänien sieht (was ich persönlich als sehr mutig empfinde und der Hauptgrund war, diesen Roman lesen zu wollen).
Anni gelingt es, die Hürde, ausreisen zu dürfen, nehmen zu können (sie ist nicht gerade auf den Mund gefallen; kann auch sehr bestimmt auftreten) und plagt sich dennoch mit Schuldgefühlen, da sie sich fragt, was aus ihrer Mutter werden soll, wenn sie ohne sie zurechtkommen muss (der Bruder ist bereits in Deutschland). So führt ihre Reise (Mitte der 60er Jahre) über Österreich, wo sie nach 20 Jahren ihren Vater erstmals wiedersieht, nach Nürnberg, wo auch der Bruder lebt: Wie sich herausstellt, ist die kleine Wohnung sehr eng und düster; Anni kann sich nicht vorstellen, dass dies für längere Zeit mit ihrem Kind das Richtige sein wird. Die "Sippschaft" (die Anni nicht mag), hat jedoch keinen Platz für sie und ihr Kind und so bleibt sie erst einmal beim Bruder, dessen Leben aus viel Arbeit besteht; die beiden haben kaum Berührungspunkte.
Die Situation ändert sich, als Anni sich mithilfe der ihr mutmachenden Kati, einer Ungarin, die ihre erste Freundin werden sollte, im Versandhaus Quelle vorstellt: Sie wird kurz darauf als Verpackerin eingestellt und steht tagaus, tagein in einer großen und lauten Halle mit vielen KollegInnen, die die Pakete ins Wirtschaftswunderland versenden. Nun beginnt Anni, die bisher alleine und einsam war, sich vorwiegend um ihre Tochter Helene kümmerte, Hoffnung zu sehen, "dass es aufwärts geht". Ein Onkel versprach ihr zumindest, dass sie nach seinem Tod sein Haus erben solle; was dieser auch eingehalten hat.
So arbeitet Anni über 35 Jahre bei Quelle bis kurz vor der Schließung 2009 und zieht nicht nur Helene, ihre Tochter, alleine groß - sondern auch ihre Enkeltochter Christina, die sich hier nach dem Tode Annis in Rückblicken an ihre Großmutter erinnert. Die Frage ist, ob sie das Haus von Anni verkaufen sollte - und ob sie bereit dazu ist, sich dem Loslassen zu stellen, da sie in Berlin lebt und arbeitet.
Ein Teil des Gartens ist von Weinreben bedeckt: Diese hat Anni einst von ihrer Mutter aus Rumänien mitgebracht; ob er auch in Berlin anwächst? Diesen Romanteil fand ich irgendwie tröstlich, da sehr viel Einsamkeit, Ängste, Fremdsein, auch Überforderung aus den Zeilen sprach: Trotz aller Zerrissenheit der Familie (die Mutter von Christina, Helene, lebt in Florida) hat dieser Weinstock, der stets "mitwandert", eine Bedeutung. Er ist quasi eine Verbindung zwischen Rumänien, Deutschland (Nürnberg und jetzt Berlin) und eine wunderschöne Metapher.
Annis Ängste, ihr Fremdsein und auch ihre Einsamkeit in den ersten Jahren werden sehr gut sprachlich dargestellt; allerdings ist der Roman eher prosaisch und sehr nüchtern geschrieben. Zu einem ernsten, anspruchsvollen Thema wie diesem passt dieser zwar, jedoch muss man sich recht viel emotional 'zusammenreimen', besonders Helene oder Nebenfiguren wie den Bruder oder die Urgroßmutter betreffend. Stilistisch ist er eine Herausforderung, da er viel Konzentration des Lesers erfordert: Zeitlich gibt es unglaublich viele Sprünge, so dass das Lesen für mich zwar interessant, aber auch eher anstrengend war. Hier hätte ich mir eine andere Lösung gewünscht; etwa ein Roman auf mehreren Zeitebenen, in denen man sich dann gleich zurechtfindet, da man sie besser zuordnen kann. Der Stil ist aber auch atmosphärisch und flüssig, so dass man relativ schnell in der Handlung ankommt. Auch stellt man sich die tiefgehende Frage, ob Anni das Leben gefunden hatte, das sie suchte, als sie in den 60er Jahren nach Deutschland kam: Ich empfand Ärger, dass diese mutige junge Frau zeitlebens als Verpackerin arbeiten sollte und hinter ihren beruflichen Möglichkeiten zurückbleiben musste, da sich hierfür zu dieser Zeit sicher keine Chancen auftaten. Zu denken gibt auch, dass eine offene, nicht schüchterne junge Frau in der Fremde eher 'kleinlaut' wird, aus sprachlichen Gründen fortan leise spricht; nicht zu hören ist (und sich auch niemals beschwert). Diese Punkte hat Nadine Schneider hervorragend in den vier Romanteilen herausgearbeitet.
Fazit:
Ein bewegender und auch betroffen machender Roman, der die Emigration einer rumänisch-deutschen jungen Frau sehr gut darstellt und hierbei in prosaischer Weise in die Tiefe geht; auch anspruchsvoll und lesenswert ist. Allerdings verlangen zahlreiche abrupte Zeitsprünge dem geneigten Leser einiges an Konzentration ab, die das Lesen auch anstrengend machen. Ich hätte mir z.B. verschiedene Zeitstränge, die zusammenlaufen, besser vorstellen können. "Das gute Leben" erhält von mir 3,5 * und eine Empfehlung an alle LeserInnen, die sich mit dem Thema Emigration, Fremdsein, reale Lebensläufe in den 60er Jahren bis heute (und politische Verhältnisse, die hier auch Erwähnung finden) beschäftigen möchten und diese Themen interessant finden.