Was ist das, ein gutes Leben?

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
bücherhexle Avatar

Von

Berichten tut Ich-Erzählerin Christina, deren Großmutter Anni unerwartet mit 75 Jahren verstorben ist. Christina hat das Haus geerbt, mit dem die Enkelin viele Erinnerungen verbindet. „Ich hatte uns aufgeschoben, Anni und mich, ich hatte gedacht, es gäbe noch Zeit für uns. Zeit fürs Erzählen, für Erklärungen und ein Zurückschauen und Verstehen. Zeit für Annis Geschichte.“ (S. 16)

Diese Zeit war den beiden nicht mehr vergönnt, doch Christina rekonstruiert das bewegte Leben der Großmutter: Anni lebt bis 1965 in Rumänien. Aufgrund ihres starken Freiheitsdrangs und mangelnder Perspektiven packt sie ihren Koffer in Richtung Deutschland, wo ihr älterer Bruder bereits lebt. Ihre Mutter lässt sie zurück – obwohl die 22-jährige Anni schwanger ist. Als Alleinerziehende hat sie einen schweren Start in der neuen Heimat, findet schließlich aber Arbeit im Quelle-Versandhandel. Sie will etwas erreichen, wünscht sich Sicherheit und ein Dach über dem Kopf, also ein gutes Leben. Bei allem Ehrgeiz scheint es ihr jedoch nicht zu gelingen, eine vertrauensvolle Beziehung zu Tochter Helene aufzubauen. Das Verhältnis bleibt dauerhaft kompliziert.

Die Lebenswege wiederholen sich: auch Helene wird eine junge, alleinerziehende Mutter. Auch sie ist mit der Situation überfordert, dreht der Heimat den Rücken, um in die USA auszuwandern und dort ein gutes Leben zu führen. Sie lässt Christina im Alter von 11 Jahren bei Großmutter Anni zurück. Das Mädchen fühlt sich verlassen, auch wenn sich die Großmutter liebevoll kümmert. Das Verhältnis zu Mutter Helene bleibt über Jahre angespannt und von Missverständnissen geprägt. „In dem Sommer, als Helene uns verlässt, verliere ich das einzige Zuhause, das ich bis dahin gekannt habe, und vielleicht will ich deshalb unbedingt verstehen, wo Anni herkommt und wo einmal ihr Zuhause war.“ (S. 78)

Die Autorin wechselt die Vergangenheitsebene mit der Gegenwart ab. Auf der Gegenwartsebene bleibt Christina etwa eine Woche in Annis Haus und nimmt Abschied. Sie vermisst Anni schmerzlich. „Oma, rufe ich in all den Jahren zuvor, doch jetzt liegt mir das Wort im Mund herum, nichts damit anzufangen, niemand mehr, den ich so rufen kann.“ (S. 24)

Zahlreiche Gegenstände und vor allem der idyllische, von der Großmutter umsorgte Garten wecken Emotionen. Zudem befindet sich auch Christina in einer Phase des Umbruchs. Ihre Beziehung hat sie beendet, mit ihrem Job in Berlin ist sie unzufrieden und weiß noch nicht, wie es weitergehen soll.

Die Autorin verzahnt die Lebensgeschichten ihrer Protagonistinnen sehr glaubwürdig. Sie zeigt, wie Vergangenes immer in die Gegenwart hineinreicht. Man kann sich vorstellen, dass alle Frauen Verletzungen davongetragen haben, die ihre Leben prägen. Man erkennt Parallelen, Brüche und Ambivalenzen. Die einzelnen Charaktere werden sehr differenziert ausgearbeitet, so dass man sich in jeden gut hineinversetzen kann. Dabei taugt keine der Frauen zur echten Identifikationsfigur, dafür sind sie zu sperrig, zu wenig kommunikativ, zu verschlossen. Man darf sich an der Handlungsweise der Hauptfiguren durchaus reiben.

Der Roman beinhaltet unglaublich viele Facetten, in deren Verlauf das Verständnis für die einzelnen Charaktere geweckt wird. Man darf kombinieren und einzelne Erinnerungsschnipsel zusammenführen. Familiengeschichten und -verstrickungen sind selten einfach, diese durchzieht eine latente Melancholie und Nachdenklichkeit. Es wird längst nicht alles auserzählt, so dass man spekulieren darf, um Informationslücken aufzufüllen.

Der Roman eignet sich hervorragend für Diskussionsrunden und Lesekreise. Mein Kompliment an das wunderschöne Cover, das einen Weinstock symbolisiert, dessen Triebe erst in Rumänien, dann bei Nürnberg und schließlich auf Christinas Berliner Balkon neue Wurzeln bilden.

Hervorheben möchte ich das stilistische Können der Autorin. Ihr Text ist dicht, hat eine wunderschöne Sprachmelodie und verfügt über unzählige lebenskluge, weise Formulierungen, die etwas beim Lesen zum Klingen bringen.

Ich wünsche diesem „Generationenroman ohne Männer“ rund um Heimat, Wurzeln und schwierige Familienbande eine breite Leserschaft.

Mich hat das Buch begeistert!