Gewohnt scharfsinnig und böse! John Lanchester, wie man ihn kennt…

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shannon Avatar

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Wenn ein neues Buch von John Lanchester erscheint, bin ich immer sofort dabei. Ihm ist gelungen, was nur wenigen Autor_innen gelingt. Er hat sich mit einem Werk so in mein Leserherz geschrieben, dass ich alles lese, was der Mann veröffentlicht.
Dabei entspricht die Handlung von „Das habe ich wegen Dir getan“ so gar nicht dem, was mir sonst in den Einkaufskorb hüpft. Es geht um einen perfiden Schlagabtausch zwischen zwei Frauen – eine Boomerin, eine Milennial. Keine davon ist sympathisch. Tatsächlich sind liebenswerte Charaktere hier kaum zu finden. Lanchester ist kein Autor, der die Menschen weichzeichnet. Und doch versteht er es wie kein anderer, sie zu beschreiben und ihre Menschlichkeit mit allen Schwächen einzufangen:
„Am anderen Ende des Raumes entdeckte ich eine Frau, die zu den Stars einer Reality-TV-Show gehörte. Sie hatte eines dieser aufgemotzten Gesichter mit orangefarbener ‚Sonnen‘-Bräune, künstlichen Wimpern, fadengezupften Augenbrauen und Unterspritzungen aller Art, getreu dem Prinzip, dass es im Leben das Beste ist, wenn man so aussieht wie alle anderen, die dieselbe Vorstellung davon haben, wie man auszusehen hat. Sie aß mit einem wesentlich älteren Mann zu Mittag, dessen Sonnenbräune ebenso unecht war wie ihre. Er hatte zwei Hemdknöpfe zu viel geöffnet, protzte mit einer riesigen goldenen Rolex und strahlte kaum merklich, aber dennoch unverkennbar etwas Raubtierhaftes aus, das gar nicht unbedingt etwas mit Sex, sondern wahrscheinlich eher mit Geld zu tun hatte.“
Gleichzeitig setzt er in seinem Schreiben einen Gegenpol zum Niederknien, indem er Zusammenhänge und Wahrheiten darlegt, die ewig im Gedächtnis bleiben:
„Eines der Dinge, die ich mich geradezu zwanghaft fragte, war, woher ich mit solcher Sicherheit wusste und sofort erkannt hatte, dass er tot war. Denn so war es. Es gab nicht den winzigsten Augenblick eines Zweifels. Als ich ... sah, wusste ich, dass er gestorben war. Seitdem habe ich viel über Trauer gelesen und nachgedacht, und dabei bin ich auf den Gedanken gestoßen, dass das der Grund sein könnte, warum die Menschen an eine Seele glauben: dass einen, wenn man eine verstorbene Person nach ihrem Tod zum ersten Mal sieht, insbesondere eine Person, die man liebt, unmittelbar und mit voller Wucht dieses Gefühl der Abwesenheit trifft. Es war vorher etwas da, das jetzt nicht mehr da ist. Der Tod ist nicht die Anwesenheit von etwas, er ist die Abwesenheit von etwas.“
Treffsicher beschrieben werden in diesem Buch auch die Beziehung einer Tochter zu einer narzisstischen Mutter, die Eigen- und Feinheiten von Ehen, der Umgang mit Trauer und Verlust, etc.

John Lanchester legt hier ein sozial kompetentes, emotional intelligentes Buch vor, das in seiner Sprache und Menschenkenntnis beeindruckt. Vieles vom Geschriebenen werde ich noch lange mit mir tragen. Ich freue mich schon auf sein nächstes Werk!