Überkonstruierter Genre-Mix
Kate und Jack sind seit dreißig Jahren verheiratet, kinderlos und leben im gehobenen Norden Londons. Er ist Architekt, sie engagiert sich ehrenamtlich. Ihre Ehe funktioniert über eine gemeinsame Privatsprache aus Spitznamen, Anspielungen und Witzen, die Außenstehenden verschlossen bleibt. Nach Jacks überraschendem Tod beginnt für Kate inmitten der Trauer um ihren Mann auch eine schmerzhafte Neubewertung ihrer Ehe.
Denn kurz darauf stößt sie auf „Betrug“, eine erfolgreiche Netflix-Serie der jungen Drehbuchautorin Phoebe Mull. (Im Roman gibt es drei fetzige Kapitel, die Szenen des Drehbuchs wiedergeben – davon hätte ich gern mehr gelesen.) Die Serie erzählt von Ehebruch, und einige der Formulierungen, Witze und kinky Sexszenen kommen Kate verdächtig bekannt vor. Fassungslos argwöhnt sie, dass Jack seine private Sprache nicht nur mit ihr geteilt hat.
Mit Phoebe führt Lanchester eine zweite Perspektive ein. Obwohl Phoebe mittlerweile eine erfolgreiche Autorin ist, liegt ihr sozioökonomischer Status weit unter dem von Kate. Kate selbst ist sich ihrer Privilegien durchaus bewusst, glaubt aber, sie verdient zu haben. Gleichzeitig hält sie sich für politisch aufgeklärt und gesellschaftlich engagiert.
Gerade diese Mischung aus Privileg und Selbstgerechtigkeit nimmt der Autor ins Visier. Er seziert die Londoner Upper-Middle-Class mit sichtlichem Vergnügen: Die Spitzen gegen Ottolenghi, Literaturclubs, Immobilienbesitzer und Champagnertrinker, die sich für Marxisten halten, fand ich durchaus witzig, wenn auch manchmal reichlich plakativ. Beziehungsreich auch die vielfachen Bezüge des Romans: Das beginnt mit dem Titel (Taylor Swift), geht weiter mit dem sehr Tolstoi-schen ersten Satz und setzt sich fort mit der Todesart von Jack (Elvis, Judy Garland).
Die Immobilien nehmen eine Schlüsselposition im Roman ein: die Boomer sitzen auf Millionenwerten, weil sie früh gekauft haben und nun von der Entwicklung profitieren, während die Millenials aus demselben Grund in winzigen, überteuerten Apartments hausen. Phoebe hält den Kontakt zu ihrer verbitterten, manipulativen Mutter im Grunde nur noch, weil deren Wohnung eine Million wert ist. Hier wie im UK spaltet die Wohnraumkrise die Gesellschaft. Kein Zufall also, dass Lanchester Jack Architekt sein lässt – seine fancy Projekte realisiert er für reiche Qataris oder Asiaten und sehr selten für Briten.
Etwa ab der Mitte mutiert die Gesellschaftskomödie zum Thriller und vom Thriller zum Rachedrama. Dabei kommt dem Text der Humor abhanden – Kate und Phoebe, ohnehin keine Sympathieträgerinnen, verhalten sich derart abgebrüht und amoralisch, dass man nicht weiß, welche man abscheulicher finden soll. Witzig ist das überhaupt nicht mehr, aber durchaus ein cleverer Move, weil Lanchester dadurch jede Parteinahme unterläuft. Wer ist hassenswerter: Millennials oder Boomer?
Allerdings fand ich die Psychologie der beiden Hauptfiguren nicht sehr schlüssig. Gerade Phoebe, die als außergewöhnlich kluge und scharfsinnige Autorin eingeführt wird, ist erstaunlich begriffsstutzig, solange es der Dramaturgie dient. Vor allem fragt man sich: Warum hat sie das Drehbuch überhaupt verfasst? Aus ihrer Motivation wird ein großes Mysterium gemacht, dessen Auflösung am Ende mich null überzeugt hat. Auch Kates Entwicklung zur skrupellosen Rächerin wirkt auf mich zu extrem. Schon ihr vielfach beteuertes Eheglück mit dem arroganten Mansplainer Jack hab ich ihr nicht abgenommen. Ist das ein satirischer Kunstgriff – der existenzielle Selbstbetrug einer abhängigen Ehefrau – oder mangelt es dem Autor an Einfühlungsvermögen in die weibliche Psyche?
Als bissige Satire jedenfalls funktioniert der Roman. Lanchester besitzt einen scharfen Blick für soziale Unterschiede und die Selbsttäuschungen der privilegierten Londoner Mittelschicht. Wo er daraus einen raffinierten Rachethriller machen will, verliert er an Plausibilität und entwickelt Längen. Fazit: Unterhaltsam, aber in Summe enttäuschend.
Denn kurz darauf stößt sie auf „Betrug“, eine erfolgreiche Netflix-Serie der jungen Drehbuchautorin Phoebe Mull. (Im Roman gibt es drei fetzige Kapitel, die Szenen des Drehbuchs wiedergeben – davon hätte ich gern mehr gelesen.) Die Serie erzählt von Ehebruch, und einige der Formulierungen, Witze und kinky Sexszenen kommen Kate verdächtig bekannt vor. Fassungslos argwöhnt sie, dass Jack seine private Sprache nicht nur mit ihr geteilt hat.
Mit Phoebe führt Lanchester eine zweite Perspektive ein. Obwohl Phoebe mittlerweile eine erfolgreiche Autorin ist, liegt ihr sozioökonomischer Status weit unter dem von Kate. Kate selbst ist sich ihrer Privilegien durchaus bewusst, glaubt aber, sie verdient zu haben. Gleichzeitig hält sie sich für politisch aufgeklärt und gesellschaftlich engagiert.
Gerade diese Mischung aus Privileg und Selbstgerechtigkeit nimmt der Autor ins Visier. Er seziert die Londoner Upper-Middle-Class mit sichtlichem Vergnügen: Die Spitzen gegen Ottolenghi, Literaturclubs, Immobilienbesitzer und Champagnertrinker, die sich für Marxisten halten, fand ich durchaus witzig, wenn auch manchmal reichlich plakativ. Beziehungsreich auch die vielfachen Bezüge des Romans: Das beginnt mit dem Titel (Taylor Swift), geht weiter mit dem sehr Tolstoi-schen ersten Satz und setzt sich fort mit der Todesart von Jack (Elvis, Judy Garland).
Die Immobilien nehmen eine Schlüsselposition im Roman ein: die Boomer sitzen auf Millionenwerten, weil sie früh gekauft haben und nun von der Entwicklung profitieren, während die Millenials aus demselben Grund in winzigen, überteuerten Apartments hausen. Phoebe hält den Kontakt zu ihrer verbitterten, manipulativen Mutter im Grunde nur noch, weil deren Wohnung eine Million wert ist. Hier wie im UK spaltet die Wohnraumkrise die Gesellschaft. Kein Zufall also, dass Lanchester Jack Architekt sein lässt – seine fancy Projekte realisiert er für reiche Qataris oder Asiaten und sehr selten für Briten.
Etwa ab der Mitte mutiert die Gesellschaftskomödie zum Thriller und vom Thriller zum Rachedrama. Dabei kommt dem Text der Humor abhanden – Kate und Phoebe, ohnehin keine Sympathieträgerinnen, verhalten sich derart abgebrüht und amoralisch, dass man nicht weiß, welche man abscheulicher finden soll. Witzig ist das überhaupt nicht mehr, aber durchaus ein cleverer Move, weil Lanchester dadurch jede Parteinahme unterläuft. Wer ist hassenswerter: Millennials oder Boomer?
Allerdings fand ich die Psychologie der beiden Hauptfiguren nicht sehr schlüssig. Gerade Phoebe, die als außergewöhnlich kluge und scharfsinnige Autorin eingeführt wird, ist erstaunlich begriffsstutzig, solange es der Dramaturgie dient. Vor allem fragt man sich: Warum hat sie das Drehbuch überhaupt verfasst? Aus ihrer Motivation wird ein großes Mysterium gemacht, dessen Auflösung am Ende mich null überzeugt hat. Auch Kates Entwicklung zur skrupellosen Rächerin wirkt auf mich zu extrem. Schon ihr vielfach beteuertes Eheglück mit dem arroganten Mansplainer Jack hab ich ihr nicht abgenommen. Ist das ein satirischer Kunstgriff – der existenzielle Selbstbetrug einer abhängigen Ehefrau – oder mangelt es dem Autor an Einfühlungsvermögen in die weibliche Psyche?
Als bissige Satire jedenfalls funktioniert der Roman. Lanchester besitzt einen scharfen Blick für soziale Unterschiede und die Selbsttäuschungen der privilegierten Londoner Mittelschicht. Wo er daraus einen raffinierten Rachethriller machen will, verliert er an Plausibilität und entwickelt Längen. Fazit: Unterhaltsam, aber in Summe enttäuschend.