Spüre Deinen Schmerz und Du wirst andere trösten

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
elkev Avatar

Von

Sie, Solène, die junge Anwältin, sieht sich gescheitert, hat das Gefühl nicht genug getan zu haben, als sich ihr Mandant nach einer für ihn dramatischen Urteilsverkündung aus dem sechsten Stock des Gerichtsgebäudes stürzt. Wie bisher, muss sie erkennen, kann es für sie nicht mehr weitergehen. Therapeutisch wird ihr nach der Klinikentlassung geraten sich ehrenamtlich zu engagieren. So wird sie auf den "Palast" aufmerksam, indem sie als Schreiberin für in Not geratene Frauen fungieren soll. Anfänglich tut sich Solène schwer einen Zugang zu den Frauen zu finden. Erst als an ihrem eigenen Schmerz gerührt wird und sie diesen mit den Frauen dort teilt, bricht sich der Bann und sie wird Teil einer Gemeinschaft, des Kollegiums, in der sie nicht wie gewohnt von außen betrachtet, sondern die Einzelschicksale spüren kann. Eines Tages geschieht etwas, das ihr erneut das Gefühl gibt versagt zu haben und sie sich daraufhin unfähig sieht dort weiterhin tätig zu sein. Doch oft bekommt man eine weitere Chance und diese findet unsere Hauptfigur in einer obdachlosen, jungen Frau.

Der Roman wechselt zwischen der Gegenwart in Paris und den 1920er Jahren, in denen die junge Offizierin der Heilsarmee, Blanche Peyron, für die Ärmsten der Armen unermüdlich im Einsatz war. Sie spürt bereits in jungen Jahren ihre Berufung ihr Leben ganz in den Dienst der Notleidenden zu stellen, etwas was Solène erst nach und nach lernt. Dieses sich vom Leid berühren zu lassen, nicht stets in geschützter Distanz zu verharren und trotzdem genug Kraft aufzubringen das Gute für den Nächsten voranzubringen. Mitgefühl, dem Taten folgen. Eine der großen Taten Peyrons war gemeinsam mit ihrem Mann Spendengelder für den "Palast der Frauen" aufzutreiben, von denen man anfänglich glaubte, dass es ein Ding der Unmöglichkeit darstellte bei den immens hohen Kosten, die dieses Vorhaben einforderte.

Laetitia Colombani beschreibt die Ereignisse und Schicksale mit einer solchen Ergriffenheit, dass ich eine tiefe Traurigkeit in meinem Inneren spürte. Die Tonart Moll zieht sich wie ein roter Faden durch die Grundstimmung im Angesicht von so viel Leid, an dem wir Menschen oft genug achtlos vorüber gehen, fragen nicht danach, warum sich jemand nicht angepasst verhält und sind ebenso mit Vorurteilen und schnell mit einem Urteil zur Hand, das Demjenigen meistens nicht annähernd gerecht wird, mehr einer Verurteilung gleich kommt. Blanche und auch Solène tun genau das Gegenteil davon und rufen uns dazu auf, es ihnen gleich zu tun.

"Das Haus der Frauen" hat mich tief bewegt und ich würde es nicht nur Frauen, sondern allen mutigen Menschen empfehlen zu lesen oder zu hören, die nicht am Leid "ihrer Schwester", "ihres Bruders" vorbeigehen und die somit diese Welt ein kleines Stückchen besser machen können.