Das Wesen des Meeres - sprachlich wunderschön eingefangen

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corsicana Avatar

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Das Buch beginnt dramatisch: Ein Tsunami trifft die Pazifikküste von British Columbia und zerstört Orte, Schiffe und Häfen. Zurück bleiben traumatisierte Menschen, die sich nun selbst um Ihr Überleben kümmern müssen. Aber das ist man hier an der nördlichen Pazifikküste gewohnt. Das Leben der Fischer und der Forstarbeiter hier war schon immer hart.
Annie ist 19 als das passiert und sie hat zusammen mit ihrer Großmutter überlebt, während ihre Eltern weit draußen auf dem Meer in einem Segelboot unterwegs waren und sie an Land blieb, um mit ihrem Jugendfreund Evan auf eine Party zu gehen. Was sie bitter bereut.
Annie hat ihr ganzes bisheriges Leben auf dem Segelboot ihrer Eltern verbracht, sie ging nie zur Schule und außer Evan aus ihrem Heimatdorf Hale´s Landing hatte sie nie Freunde. Als aus der Kinderfreundschaft langsam eine Liebe heranwächst, ist Annie hin und her gerissen. Soll sie ein "normales" Leben auf dem Festland beginnen? Oder weiterhin auf dem Meer leben?
Nun, die Entscheidung wird ihr erst einmal abgenommen, die Eltern sind verschollen und Hale´s Landing soll evakuiert werden. Wird es eine gemeinsame Zukunft mit Evan geben? Dieser hat zwar überlebt, ist jedoch hin- und hergerissen zwischen seiner Liebe zu Annie und den Ansprüchen, die sein Vater an ihn stellt.

In einer wunderschönen, poetischen und sehr bildhaften Sprache beschreibt die Autorin das Leben in einem kleinen Küstendorf, die Naturgewalten und die einzigartige Verbindung von Annie und ihrer Mutter Mara zum Meer. Annies Vater, ein Mediziner, hatte Mara einst am Strand aufgelesen und ihr zuliebe sein Leben an Land aufgegeben und auch Mara wurde ein "Meeresbewohner", eher nicht geeignet für ein Leben an Land. Wird Annie trotzdem mit Evan zusammenbleiben? Kompliziert wird die Situation, als nach dem Tsunami ein junger Mann am Strand aufgefunden wird, von dem niemand weiß, wo er herkommt. Aber Walker, der junge Mann, erweckt eine Stimme in Annie zum Leben, die sie anrührt und an ihre Mutter erinnert. Und irgendwie erinnert dies alles daran, wie ihr Vater damals ihre Mutter fand.

Die Urgewalt der Natur spielt eine große Rolle in diesem außergewöhnlichen Roman.
"Ein katastrophales Erdbeben... löste entlang der äußeren Küstenlinie Tsunamiwellen aus...... Die See wird es ein Lied nennen."

Annie ist in der Lage, das Lied des Meeres zu hören, ihre Mutter konnte es auch. Woran das lag? Nicht alles in diesem Buch wird erklärt, manches bleibt im Dunkeln und es gibt einen großen Anteil an Mystik, den man als Leser:in mögen kann oder nicht. Ich war zwiegespalten und auch Annie kam mir persönlich nicht richtig nahe. Zu hochsensibel und oft zu depressiv (vielleicht ist die richtige Beschreibung auch neurodivergent?) zu wenig greifbar, nicht von dieser Welt, zu wenig "sozialisiert". Letzteres lag sicherlich auch daran, dass sie die meiste Zeit ihres Lebens nur mit ihren Eltern zusammen einsam auf einem Boot auf dem Meer lebte, ohne Freunde, ohne Schule, ohne soziales Umfeld. Gerade diese Entscheidung von Annies Mutter konnte ich zwar irgendwie nachvollziehen, jedoch nicht gutheißen. Genau deshalb mochte ich lieber Ruth, die Großmutter, die mit ihrem praktischen Verstand immer wieder dafür sorgt, dass Annie in den Tagen nach dem Tsunami nicht durchdreht und die Annie zu einem Neuanfang in der Stadt motivieren will, mit College, Universität usw. Wird dies gelingen?

Insgesamt ein sehr außergewöhnlicher Roman, der die Ambivalenz der Natur sehr gut einfängt. Einerseits kann das Meer beruhigen, andererseits zerstören und zudem können nur wenige Menschen das Meer wirklich erfassen. Eine endgültige Bewertung des Buches fällt mir schwer. Eins ist aber sicher: Ich werde noch länger darüber nachdenken.