Ein modernes Märchen getragen von Wasser und Sehnsucht

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therealmike Avatar

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"Die Leute meinen, sie wäre jede Menge verschiedene Meere mit unterschiedlichen Namen. Aber sie ist eine See mit einem Lied. Sie erzählt gerne Geschichten, bloß nicht alle gleich auf einmal. Ihre Geschichten erstrecken sich über Tausende Meilen, grenzenlos, gehen ineinander über, gleichen sich an. Dehnen sich aus bis sie überall sind."

Das Jahr der Wale von Kelly Anderson
Insgesamt hat mir dieser Debütroman richtig gut gefallen. Annie MacLeod verbringt ihre Kindheit auf einem Segelboot vor der Küste British Columbias, weil ihre Mutter es einfach nicht lange ohne das Meer aushält. In Hale's Landing wartet derweil Evan auf sie, und aus der Kindheitsfreundschaft wird mit den Jahren mehr. Dann, in einer Nacht, in der Annie ausnahmsweise an Land bleibt, zerstört ein Tsunami alles, ihre Eltern kehren nicht zurück, und am Strand rettet sie einen stummen jungen Mann aus den Fluten, zu dem sie sofort eine seltsame, fast wortlose Verbindung spürt.
Besonders überzeugt haben mich die verschiedenen Zeitebenen. Die großen Teile des Buches tragen die Namen der Gezeiten, und genau in diesem Rhythmus lässt Anderson immer wieder die Geschichte von Annies Eltern einfließen, dazu die ihrer Großmutter, die für mich eine richtig sympathische Figur geworden ist. So bekommt die Gegenwartshandlung um Annie und den geretteten Fremden nach und nach Tiefe, man versteht Stück für Stück, woher diese besondere Beziehung zum Meer eigentlich kommt.
Auch wie fein Anderson ihre Hauptfigur zeichnet, hat mir gefallen. Annies Wasseraffinität, dieses Gefühl, anders zu sein als die Menschen an Land, wird nicht einfach behauptet, sondern man spürt sie beim Lesen, man merkt richtig, wie viel unter der Oberfläche schlummert, bei ihr selbst und in der ganzen Geschichte. Dieses Leben mit den Sinnen trägt den Roman von Anfang bis Ende.
Richtig spannend wird es dann noch mal am Schluss. In der Danksagung der Autorin wird plötzlich klar, dass hier eigentlich die ganze Zeit ein modernes Märchen erzählt wurde. Im Nachhinein erscheint einem die Geschichte dadurch noch mal in einem ganz anderen Licht, vieles, was vorher nur poetisch oder leicht mystisch wirkte, bekommt auf einmal eine zweite Bedeutung. Auch der deutsche Titel Das Jahr der Wale, der auf den ersten Blick wenig mit dem Originaltitel The Wild Beneath zu tun zu haben scheint, ergibt am Ende plötzlich Sinn.
Eine klare Empfehlung für alle, die eine tiefe Liebe zur Natur in sich tragen, vor allem aber für alle, die das Meer und seine ursprüngliche Kraft lieben oder beim Lesen neu für sich entdecken wollen.