Stimmungsvolles Debüt
MEINE MEINUNG
Mit ihrem bewegenden Debüt „Das Jahr der Wale " hat die kanadische Autorin Kelly Anderson einen außergewöhnlichen Roman vorgelegt, der nicht nur eine faszinierende Mischung aus klassischer Familien- und Liebesgeschichte ist, sondern auch eine eindrucksvolle Liebeserklärung an die Natur, an ihre wilde Schönheit, ihre Zerbrechlichkeit und ihre unergründliche Kraft. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Annie MacLeod, die auf einem kleinen Segelboot im pazifischen Nordwesten aufwuchs. Bei ihren unkonventionellen Eltern genießt sie eine schöne Kindheit in Freiheit und im Einklang mit dem Ozean und seinen Urgewalten. Doch ein verheerender Tsunami hinterlässt an der Westküste Kanadas eine Spur der Verwüstung und reißt Annies heile Welt in Stücke. Annie verliert ihre Eltern und muss sich im kleinen Küstenort Hale’s Landing, der Heimat ihres Vaters, mit einem ihr gänzlich fremden Leben an Land arrangieren. Als wichtige Menschen in ihrem Leben sind ihr nur noch ihre Großmutter und ihr Jugendfreund Evan geblieben.
Am Strand begegnet sie einem jungen, stummen Fremden namens Walker, von dem ein eigentümliches Summen ausgeht, das nur Annie wahrnehmen kann und das eine unwiderstehliche Anziehungskraft entfaltet. In ihrer Trauer und Orientierungslosigkeit muss Annie sich entscheiden, wie sie weiterleben soll und wem ihr Herz gehört –ihrem Freund Evan, der letzten verlässlichen Instanz in ihrem Leben oder dem mysteriösen Walker, dem sie sich so unerklärlich nah fühlt.
In ihrem Roman erzählt die Autorin jedoch weniger eine vielschichtige Dreiecksgeschichte zwischen Annie, Evan und Walker, sondern vielmehr die fesselnde Schicksal einer jungen Frau, die zwischen zwei Welten zerrieben wird: der nüchternen, oft schmerzhaften Realität eines Lebens an Land oder der vertrauten Geborgenheit, die sie im engen Kontakt mit der unergründlichen Weite des Meeres findet. Zerrissen zwischen diesen beiden Polen begibt sie sich auf die Suche nach ihrer eigenen Bestimmung. Geschickt hat die Autorin ihren Roman nach dem ewig wiederkehrenden Zyklus der Gezeiten in die Abschnitte Tiefstand, Stauwasser, Flut, Höchststand und Ebbe gegliedert. Innerhalb dieses Rhythmus werden zudem mehrere Zeitebenen miteinander verwoben. So gewähren Rückblenden Einblicke in das Kennenlernen von Annies Eltern vierzig Jahre zuvor sowie in Annies eigene Kindheit, während ein Zeitsprung die Handlung sechs Jahre nach der Katastrophe in eine ganz andere Richtung lenkt und sich Annies Leben nach dem Verlassen von Hale‘s Landing widmet.
Hervorragend gelungen sind Anderson die eindrucksvollen sehr bildhaften Naturschilderungen. Ob nun das faszinierenden Ökosystem der Tiefsee, die Begegnungen mit den Buckelwalen oder das vielfältigen Leben in den Gezeitentümpeln - dank des atmosphärisch dichten Erzählstils wird das Meer selbst zu eigenständigen, fast lebendigen Figur mit geheimnisvoller Präsenz, die das aufwühlende Geschehen ebenso mitträgt wie die menschlichen Charaktere. Der Roman lebt vor allem von seiner mystischen Grundstimmung, die den besonderen Reiz der Geschichte ausmacht. Gerade die außergewöhnlich enge Verbindung der Figuren zum Meer sowie die zahlreichen rätselhaften, kaum erklärbaren Vorkommnisse verleihen dem Roman einen Hauch von Magischem Realismus, der eine eigentümliche, schwer greifbare Faszination ausübt. Doch als sich die Handlung von der Küste entfernt, verfliegt dieser Zauber abrupt. Nach dem Zeitsprung von sechs Jahren tritt die mystische Atmosphäre leider fast vollständig in den Hintergrund. Was bleibt, ist eine distanzierte, nüchterne Perspektive, die zwar Annies neue Lebensrealität anschaulich aufzeigt, aber stellenweise überladen wirkt. Hier hätte man sich deutlich mehr Einblicke in die Innenwelt und die inneren Dämonen der Charaktere gewünscht, um ihre Entwicklung besser nachvollziehen zu können.
Zu den meisten Figuren, insbesondere zur vielschichtig angelegten Protagonistin Annie, gelang es mir leider nicht, einen echten emotionalen Zugang zu finden. Auch wenn mich Annies sinnliche Verbindung zur Natur sehr faszinierte, konnte ich mich selten in Annies sehr ambivalenten Charakter hineinversetzen. Bisweilen wirkten ihre Handlungen und Beweggründe merkwürdig fremd und waren schwer nachvollziehbar, sodass ihr Schicksal mich letztlich seltsam unberührt ließ. Das recht offene Ende hinterlässt insgesamt ein Gefühl der Unabgeschlossenheit. So bleibt in diesem fesselnden Roman vieles im Ungewissen und zahlreiche offene Fragen zu den mystischen Geschehnissen müssen letztlich mit unserer Fantasie eingeordnet werden.
FAZIT
Ein ambitioniertes Debüt, das einen trotz einiger Schwächen vor allem durch seine mystische Atmosphäre, poetische Naturbeschreibungen und die eindrucksvolle Darstellung des maritimen Ökosystems in den Bann zieht.
Allerdings trüben eine unnahbare Protagonistin und ein allzu offenes Ende etwas den Lesesog.
Ein beeindruckender Roman wie das Meer selbst- an der Oberfläche von betörender Schönheit, in der Tiefe jedoch stellenweise unergründlich und schwer zu fassen.
Mit ihrem bewegenden Debüt „Das Jahr der Wale " hat die kanadische Autorin Kelly Anderson einen außergewöhnlichen Roman vorgelegt, der nicht nur eine faszinierende Mischung aus klassischer Familien- und Liebesgeschichte ist, sondern auch eine eindrucksvolle Liebeserklärung an die Natur, an ihre wilde Schönheit, ihre Zerbrechlichkeit und ihre unergründliche Kraft. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Annie MacLeod, die auf einem kleinen Segelboot im pazifischen Nordwesten aufwuchs. Bei ihren unkonventionellen Eltern genießt sie eine schöne Kindheit in Freiheit und im Einklang mit dem Ozean und seinen Urgewalten. Doch ein verheerender Tsunami hinterlässt an der Westküste Kanadas eine Spur der Verwüstung und reißt Annies heile Welt in Stücke. Annie verliert ihre Eltern und muss sich im kleinen Küstenort Hale’s Landing, der Heimat ihres Vaters, mit einem ihr gänzlich fremden Leben an Land arrangieren. Als wichtige Menschen in ihrem Leben sind ihr nur noch ihre Großmutter und ihr Jugendfreund Evan geblieben.
Am Strand begegnet sie einem jungen, stummen Fremden namens Walker, von dem ein eigentümliches Summen ausgeht, das nur Annie wahrnehmen kann und das eine unwiderstehliche Anziehungskraft entfaltet. In ihrer Trauer und Orientierungslosigkeit muss Annie sich entscheiden, wie sie weiterleben soll und wem ihr Herz gehört –ihrem Freund Evan, der letzten verlässlichen Instanz in ihrem Leben oder dem mysteriösen Walker, dem sie sich so unerklärlich nah fühlt.
In ihrem Roman erzählt die Autorin jedoch weniger eine vielschichtige Dreiecksgeschichte zwischen Annie, Evan und Walker, sondern vielmehr die fesselnde Schicksal einer jungen Frau, die zwischen zwei Welten zerrieben wird: der nüchternen, oft schmerzhaften Realität eines Lebens an Land oder der vertrauten Geborgenheit, die sie im engen Kontakt mit der unergründlichen Weite des Meeres findet. Zerrissen zwischen diesen beiden Polen begibt sie sich auf die Suche nach ihrer eigenen Bestimmung. Geschickt hat die Autorin ihren Roman nach dem ewig wiederkehrenden Zyklus der Gezeiten in die Abschnitte Tiefstand, Stauwasser, Flut, Höchststand und Ebbe gegliedert. Innerhalb dieses Rhythmus werden zudem mehrere Zeitebenen miteinander verwoben. So gewähren Rückblenden Einblicke in das Kennenlernen von Annies Eltern vierzig Jahre zuvor sowie in Annies eigene Kindheit, während ein Zeitsprung die Handlung sechs Jahre nach der Katastrophe in eine ganz andere Richtung lenkt und sich Annies Leben nach dem Verlassen von Hale‘s Landing widmet.
Hervorragend gelungen sind Anderson die eindrucksvollen sehr bildhaften Naturschilderungen. Ob nun das faszinierenden Ökosystem der Tiefsee, die Begegnungen mit den Buckelwalen oder das vielfältigen Leben in den Gezeitentümpeln - dank des atmosphärisch dichten Erzählstils wird das Meer selbst zu eigenständigen, fast lebendigen Figur mit geheimnisvoller Präsenz, die das aufwühlende Geschehen ebenso mitträgt wie die menschlichen Charaktere. Der Roman lebt vor allem von seiner mystischen Grundstimmung, die den besonderen Reiz der Geschichte ausmacht. Gerade die außergewöhnlich enge Verbindung der Figuren zum Meer sowie die zahlreichen rätselhaften, kaum erklärbaren Vorkommnisse verleihen dem Roman einen Hauch von Magischem Realismus, der eine eigentümliche, schwer greifbare Faszination ausübt. Doch als sich die Handlung von der Küste entfernt, verfliegt dieser Zauber abrupt. Nach dem Zeitsprung von sechs Jahren tritt die mystische Atmosphäre leider fast vollständig in den Hintergrund. Was bleibt, ist eine distanzierte, nüchterne Perspektive, die zwar Annies neue Lebensrealität anschaulich aufzeigt, aber stellenweise überladen wirkt. Hier hätte man sich deutlich mehr Einblicke in die Innenwelt und die inneren Dämonen der Charaktere gewünscht, um ihre Entwicklung besser nachvollziehen zu können.
Zu den meisten Figuren, insbesondere zur vielschichtig angelegten Protagonistin Annie, gelang es mir leider nicht, einen echten emotionalen Zugang zu finden. Auch wenn mich Annies sinnliche Verbindung zur Natur sehr faszinierte, konnte ich mich selten in Annies sehr ambivalenten Charakter hineinversetzen. Bisweilen wirkten ihre Handlungen und Beweggründe merkwürdig fremd und waren schwer nachvollziehbar, sodass ihr Schicksal mich letztlich seltsam unberührt ließ. Das recht offene Ende hinterlässt insgesamt ein Gefühl der Unabgeschlossenheit. So bleibt in diesem fesselnden Roman vieles im Ungewissen und zahlreiche offene Fragen zu den mystischen Geschehnissen müssen letztlich mit unserer Fantasie eingeordnet werden.
FAZIT
Ein ambitioniertes Debüt, das einen trotz einiger Schwächen vor allem durch seine mystische Atmosphäre, poetische Naturbeschreibungen und die eindrucksvolle Darstellung des maritimen Ökosystems in den Bann zieht.
Allerdings trüben eine unnahbare Protagonistin und ein allzu offenes Ende etwas den Lesesog.
Ein beeindruckender Roman wie das Meer selbst- an der Oberfläche von betörender Schönheit, in der Tiefe jedoch stellenweise unergründlich und schwer zu fassen.