Wo das Meer die Geschichten erzählt

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thomsen_ Avatar

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„Die Leute meinen, sie wäre jede Menge verschiedene Meere mit unterschiedlichen Namen. Aber sie ist eine See mit einem Lied. Sie erzählt gerne Geschichten, bloß nicht gleich alle auf einmal. Ihre Geschichten erstrecken sich über Tausende Meilen, grenzenlos, gehen ineinander über, gleichen sich an. Dehnen sich aus, bis sie überall sind.“

Es fällt mir ungewöhnlich schwer, „Das Jahr der Wale“ zu beschreiben.
Nicht, weil ich nicht wüsste, was ich darüber sagen möchte, sondern weil dieser Roman viel weniger von seiner Handlung lebt als von der Stimmung, die er erzeugt.
Die junge Annie lebt mit ihrer Familie an der abgelegenen Küste British Columbias. Es geht um Familie, Verlust, erste Liebe, Erwachsenwerden und die Frage, wo man eigentlich hingehört. Wer deshalb einen klassischen Coming-of-Age-Roman erwartet, könnte überrascht sein. Denn „Das Jahr der Wale“ ist für mich vor allem ein atmosphärischer Roman über Herkunft, Zugehörigkeit und die Verbindung zwischen Mensch und Natur.

Und über allem liegt das Meer.

Man hört die Wellen, spürt das kalte Wasser, den Wind und das Salz. Dazu Wälder, kleine Inseln, Boote und einsame Küsten. Beim Lesen hatte ich immer wieder diese Landschaft vor Augen. Vor allem aber ist das Meer ständig präsent. Mal ist es Heimat und Sehnsuchtsort, mal wirkt es bedrohlich und unberechenbar. Seine Bedeutung verändert sich mit der Geschichte und mit Annie.
Sehr gut hat mir gefallen, wie lange der Roman vieles offenlässt. Ungewöhnliche Begegnungen und beiläufige Bemerkungen werfen Fragen auf, ohne dass sofort eine Erklärung hinterhergeschoben wird. Lange wusste ich nicht, wohin mich diese Geschichte eigentlich führen würde. Gerade das hat dafür gesorgt, dass ich immer weiter lesen wollte.

Auch die Gliederung des Romans hat mir sehr gefallen. Die größeren Abschnitte tragen Namen wie Ebbe, Tiefstand, Stauwasser, Flut und Höchststand. Die Gezeiten spiegeln die Entwicklung der Geschichte: Stillstand und Bewegung, Rückzug und Veränderung. Selbst der Aufbau folgt damit dem Rhythmus des Meeres.
Mich hat überrascht, wie sehr mich der Roman gepackt hat. Die Spannung entsteht nicht durch große Wendungen oder dramatische Ereignisse, sondern durch viele kleine Andeutungen und Fragen, auf die man lange keine Antwort bekommt. Ich wollte ständig wissen, was dahintersteckt und wohin Annies Geschichte führt. Und mit jeder neuen Information musste ich manches, was ich vorher gelesen hatte, noch einmal anders einordnen.

Ganz ohne kleine Schwächen ist der Roman für mich dennoch nicht. Die Liebesgeschichte folgt stellenweise vertrauten Mustern und manches Gefühl wird etwas deutlicher ausgesprochen, als es für mich nötig gewesen wäre. Das hat mein Leseerlebnis aber kaum geschmälert.

Denn nach der letzten Seite waren es vor allem Bilder und Stimmungen, die bei mir geblieben sind: kaltes Wasser, dichte Wälder, abgelegene Inseln, der Gesang der Wale und immer wieder das Meer. Die Handlung kann ich erzählen. Aber sie erklärt nur unzureichend, warum mich dieses Buch so gepackt hat. „Das Jahr der Wale“ muss man ein Stück weit selbst erleben.


4,5 von 5 ⭐