Wo nur noch Gegenstände sprechen

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yasemin kaplan Avatar

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Das Jahr der Wale beginnt wie eine Aneinanderreihung surrealistischer Bilder. Raum und Zeit erschließen sich den Leser:innen erst nach und nach. Nur noch die an Land gespülten Gegenstände erinnern an die einst hier lebenden Menschen. Als Annie dazu noch einem splitternackten Jungen am Strand begegnet, wirkt es beinahe, als träfe Eva auf Adam und die Geschichte der Menschheit begänne von Neuem.

Dabei führte Annie bis dahin ein ungewöhnliches Leben, um das sie wohl so manche Jugendliche beneiden dürfte. Ihre Eltern bringen sie im Meer zur Welt und sie lebt mit ihnen fortan auf einem Segelboot. Ihr Alltag besteht aus Schwimmen und Tauchen – für sie so selbstverständlich wie für andere der Schulweg oder die Fahrt mit der U-Bahn. Ihr Leben ist geprägt von unmittelbarer Nähe zur Natur und unterscheidet sich grundlegend vom Alltag der meisten Gleichaltrigen.

Nach der Katastrophe und dem Verlust ihrer bisherigen Lebenswelt bleibt ihr ihre Oma Ruth, mit der sie sich durch die Trümmer kämpft und gemeinsam versucht, Walker, einem gestrandeten Jungen, zu helfen. Er wirkt auch etwas unheimlich mit seinem blauen Blut, das Annie auffällt, als Ruth, die früher Ärztin war, ihm einen Infusionsbeutel anbringt. All das geschieht in einem notdürftig eingerichteten Zuhause, in dem sie froh sind, so manche alte Gegenstände, wie etwa eine vom Krankenhaus aussortierte Krankenliege, nicht weggeworfen zu haben.

Anderson bedient sich einer recht bildhaften Sprache, mit der die Leser:innen sich schnell in diese verwüstete Umgebung hineinversetzen können. Diese fast surrealistische Wirkung entsteht vor allem dadurch, dass alltägliche Gegenstände aus ihrem gewohnten Zusammenhang gerissen werden und wie Relikte einer untergegangenen Welt wirken. Gemeinsam mit Annie erkunden wir einen Strand, der einst schön war und wo neugierige Touristen sie als eifrig schwimmendes Kleinkind bewunderten. Eindrucksvoll werden Gebrauchsgegenstände beschrieben, anhand derer wir uns die Person, der sie einmal gehörten, vorstellen können. Sie verstärken zugleich die bedrückende Stimmung des Romans. Es wirkt irgendwie unfassbar, dass von einem Menschen – und der ganzen Welt, die er im Grunde in sich trägt – am Ende nur ein einfacher Gebrauchsgegenstand übrigbleiben kann.

Das Buch schwankt ständig zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Schon nach wenigen Seiten entsteht der Eindruck, dass Das Jahr der Wale weit mehr sein möchte als ein Katastrophenroman. Er macht neugierig auf eine Geschichte über Verlust, Neuanfang und die Frage, was vom Menschen bleibt, wenn seine vertraute Welt verschwindet.