Humorvoll und rasant

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marieon Avatar

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Der Pöllisch (Englisch und Physik), am Goethegymnasium, würde nicht dabei zusehen, wie sie ihr Leben vergeigten, deswegen wurde es nicht Amsterdam. Und weil sich die Klasse nicht zwischen Rom und Paris entscheiden konnte, wurde es eben Amrum.

Jens Itterbeck, den Matti Nazi nannte, war arm. Matti nicht, sein Vater machte in Radartechnik, stark gefragtes Zeug, leiden konnte er Itterbeck trotzdem nicht. Nach der Schule streifte er ziellos durchs Haus. Sein Vater war auf der International Defence, seine Mutter verreist und Mafalda in der Stadt. Sie hatte ihm sein Essen in die Mikrowelle gestellt. Er suchte sich im Ankleidezimmer seiner Eltern einen Casual Look zusammen. Er fand Chinoshorts (Lacoste), einen Kalbsledergürtel (Hermès), ein Poloshirt (Ralph Lauren), Bootsschuhe (Timberland). Darüber zog er den Webpelz seiner Mutter (Prada). Er überquerte die Terrasse, lief unter strahlend blauem Himmel und ließ sich rückwärts in den Pool fallen. Die Klamotten im Wert von 5.000 Euro sogen sich voll Wasser und er musste sie ausziehen, wenn er nicht ertrinken wollte. Danach schwammen sie so semi, knapp unter der Oberfläche.

Im Bus nach Amrum sitzt Matti neben seiner Freundin Anna, also seiner besten Freundin. Hinter ihnen sitzt sein bester Freund Can, schön wie ein Lotus. Sie kommen am Nachmittag an, vom Meer ist weit und breit nichts zu sehen, es ist Ebbe. Als die anderen zur Jugendherberge hochgehen setzt Matti sich wortreich ab: Er muss telefonieren, eine bestimmte Muschel für Anna finden, will sich die Schiffe ansehen. Er läuft eine ganze Weile und steht dann alleine auf dem Watt. Sieht das Wasser näherkommen, will umdrehen und kann sich nicht bewegen. Stocksteif steht er da. Zweimal denkt er „Jetzt“ und weiß nicht warum, dann wird er nach hinten gerissen und abgeschleppt. Seine Fersen malen Spuren in den Sand. Als er wieder richtig klar ist, sieht er Itterbeck ins Gesicht und verflucht ihn.

Fazit: Der Autor und Schauspieler Stephan Lohse (Das Summen unter der Haut 2023) hat mit dieser Coming of Age – Erzählung wieder eine fulminante Unterhaltung hingelegt. Ich schaue seinem fünfzehnjährigen Protagonisten zwei Jahre lang beim Erwachsenwerden zu. Matti tut sich schwer mit seinem Körper, besonders mit dem Mittelteil, weil der sich schwer kontrollieren lässt, während sein Kopf nicht sicher weiß, was er will. Anna oder Can, Can oder Anna. Zu all seinen Unsicherheiten kommt das elterliche Desinteresse. Doch als wäre das nicht ausreichend reagiert Matti mit Aussetzern, die ihm die ernstzunehmenden Diagnoseschlüssel F43.2 und F44.9 einbringen. Das erstaunliche an dieser schwungvollen Geschichte ist, wie überzeugend der Autor (Jahrgang 1964) sich in die Jugendlichen hineinfühlt. Ich hatte einen humorvollen und rasanten Trip in meine eigene Jugend. Wer die Geschichte genießen möchte, sollte sie mit einem toleranten Augenzwinkern lesen, denn nicht alles ist glaubwürdig. Ich würde das Buch dem Genre Jugendliteratur zuordnen und es unbedingt dem nächsten pubertären Menschen, der mir vor die Füße läuft, in die Hand drücken. Es geht um sexuelle Orientierung, Freundschaft und mentale Gesundheit.