So jung kommen wir nicht mehr zusammen

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Ein Coming-of-age-Roman auf Amrum, funktioniert das? Ja, funktioniert wunderbar! Wir lernen Matti kennen, als er 15 Jahre alt ist und zusammen mit seiner Klasse und Lehrer Pöllisch (Englisch, Physik) eine Klassenfahrt nach Amrum unternimmt. Inklusive Jugendherbergstee, Wattwanderung, kiffen und küssen, Sauerteig kneten und dabei an anderes denken und Jugendsprache.
Matti, extrem betuchtes Elternhaus, scheint kein Außenseiter zu sein - ganz im Gegenteil: Er wird getragen von seinen Freund*innen, allen voran seinem besten Freund, dem schönen Can. Und gleichzeitg schämt sich Matti oft für seinen Reichtum, er kämpft - wie wahrscheinlich alle Jugendlichen - mit Unsicherheiten und das Verhältnis zu seinen Eltern ist unterkühlt, um es vorsichtig auszudrücken. Auf Amrum passiert etwas, das Matti noch desöfteren heimsuchen wird: Er "driftet ab", sein Körper verkrampft und er verliert das Bewusstsein.
Wieder zuhause und mittlerweile in der elften Klasse, erhält er von seiner Psychiaterin eine Diagnose: Anpassungsstörung mit dissoziativer Störung. Nach einem Suizidversuch willigt er in einen Psychiatrieaufenthalt ein. Seine Freunde sind an seiner Seite und besuchen ihn auch dort.
Psychiatrie, elterliche Vernachlässigung, Panikattacken: Was sich vielleicht erstmal ernst anhört und bedrückend, wirkt eher fesselnd und interessant. Ich habe es geliebt, Matti durch die prägenden Jahre von 15 bis etwa 18 zu begleiten. Was mich am meisten fasziniert hat, ist Stephan Lohses Stil. Der Sound des Romans hört sich für mich an wie eine Mischung aus Salingers "Catcher", Herrndorfs "Tschick" und Stanisics "Wolf". Es wirkt, als hätten Holden Caulfield, Maik Klingenberg und Kemi aus "Wolf" Pate gestanden für Matti, und zwischendurch muss man beim Lesen auch immer wieder an Krachts "Faserland" denken (Fischbrötchen, geklautes Auto, reiche Familie im Hintergrund etc.).
Neben einer klassichen Coming-of-age-Geschichte erzählt der Roman auch von homosexuellem Begehren und zwar auf eine äußerst realistische, nie peinlich oder anbiedernd wirkende Art und Weise. Matti findet seinen besten Freund Can gut und traut sich nicht, ihm das zu sagen. Wunderbar, wie die Jugendlichen eine mögliches Begehren zwischen Can und Matti andeuten: "Aliya: ,Bei manchen ist zu zweit auf einem E-Roller fahren die einzige Möglichkeit, auch mal ein bisschen schwul zu sein. Das wisst ihr schon, oder?' Ich glaube, ich wurde rot." Unweigerlich denkt man hier an Barbara Krugers Werk "You construct intricate rituals which allow you to touch the skin of other men". Am Schluss kann Matti sich öffnen, auch seiner Mutter gegenüber, die offenbar parallel zu ihrem Sohn einen Lernprozess durchgemacht zu haben scheint. Sie traut sich nun, ihrem völlig empathielosen und autoritären Ehemann zu widersprechen. Matti und seine Mutter nähern sich an, genauso wie Can und Matti - ohne hier zuviel spoilern zu wollen.
Ein Buch, dem ich viele Leser*innen wünsche. Ein Roman, der durch seine Unterhaltsamkeit und Zugänglichkeit besticht und nie seicht oder unrealistisch wirkt. Ein Werk, das mentale Gesundheit auf einfühlsame Weise präsentiert und zeigt, wie wichtig Freundschaft und Loyalität sind.
Das Schlusswort soll Mattis Psychiatrie-Oberärztin haben: "Nichts reparieren. Nicht auf den Glückskäfer warten. Den Schmerz annehmen und darauf vertrauen, dass sich Narben als Narben erneuern, damit du weißt, wer du bist. Nicht lügen. Niemals lügen". Nicht lügen, sich nicht verbiegen: Das ist es, was Matti lernt. Und das ist etwas, was aus meiner Sicht gerade für Jugendliche sehr lesenswert ist.
Vielen Dank an den Suhrkamp-Verlag für das Rezensionsexemplar!