Zu Gast in den Gehirnen einer neuen Genaration
Dem fünfzehnjährigen Matti erscheint während einer Klassenfahrt im Watt auf Amrum ein Impala, eine Antilope. Schon die Wortwahl stiftet eine Querverbindung zu Tame Impala und Kevin Parkers außergewöhnlicher Musik. Zufall? Absicht?
Gedeutet wird das Ganze als psychischer Zusammenbruch. Eine Therapie muss her. Und so schleicht sich die Frage ein, ob Pubertät heute überhaupt noch ohne psychotherapeutische Begleitung möglich ist. Irgendwann zweifelt Matti selbst daran.
Stephan Lohse gelingt es, mit dem Abbild jugendlicher Dialoge den Leser in das Tempo der Verwirrung zu bringen, dem man durch soziale Medien einerseits, im Konservativen verharrende Eltern andererseits und einer dritten unreellen Welt, der Schule, ausgesetzt ist. Gedankensprünge, unendlich viele Namen, jugendliche Insider-Sprache wirken zusätzlich desorientierend. Alles scheint spontan, nichts scheint wirklich zu sein. Wenn man sich diesem Chaos ergibt, kann man jene Welt des Umbruchs nachfühlen. Und plötzlich entsteht dazwischen ein Gedankenraum der tiefen Gefühle und großen Bilder: „Der Mond flackert auf dem Wasser. Es sah aus, als ob das Meer brennen würde. Jede Flamme ein Wort, jede Welle eine Botschaft. Das Meer sprach mit dem Himmel.“ Eine Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit wird spürbar.
In der Gruppe zweifelt Matti an allen und am meisten an sich, obwohl er ein guter Beobachter ist. Gefühle zuzulassen fällt ihm wie auch den anderen schwer. „Trost hätte einen Schmerz bezeichnet, der keine Bezeichnung verdient hat.“, denkt er bitter. Doch immer wieder taucht da ein Satz der Oberärztin auf - in Mattis Kopf erscheint er wie ein Mantra -, der den Leser hoffen lässt.
Es ist nicht der Plot, sondern die Komposition, die es uns möglich macht, die neue Art der Pubertät zu erleben. Wer wahrhaftig nachfühlen will, was die junge Generation in unserer Welt empfindet, wie sie mit dem Erwachsenwerden zwischen der Belanglosigkeit des Einzelnen und der Einzigartigkeit jedes Individuums ringt, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt.
Eigentlich ein Muss für alle, die mit jungen Menschen arbeiten und leben wollen.