Was für eine Enttäuschung

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irislobivia Avatar

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Ich war guter Dinge, als ich in den Roman startete. Immerhin ist das Setting am Genfer See überwältigend, mit dem Haus am Seeufer, der alten Propellermaschine, dem erfolgreichen Autor, der Gattin, die mit ihrer Freundin einen elitär anmutenden Bootsverleih betreibt.
Obwohl Klappentext und Rahmenhandlung mich faszinierten, hat mich das Buch spätestens in der Hälfte verloren. Angefangen bei den seltsamen Übersprungshandlungen von Sarah, der Schriftstellergattin, bis hin zu den vielen Klischees, die sich in der zweiten Buchhälfte regelrecht stapeln.
Enttäuschend ist nicht nur die Entwicklung der Handlung, sondern auch das zentrale Objekt der Suche: das letzte Manuskript. Wenn ein Autor zwei Jahrzehnte an einem Text feilt, erwartet man zumindest stilistische Sorgfalt. Stattdessen wirkt das Ergebnis erstaunlich blass, fast plump, und wirft unweigerlich Fragen zur im Roman behaupteten literarischen Größe seines Verfassers auf.
Auf den letzten 30 Seiten überholt das Buch sich selbst, die titelgebende Hauptfigur Marceau ist schon lange aus dem Blickfeld geraten und zur Randfigur mutiert. Die Ehefrau kreist um sich selbst, die Handlung überschlägt sich, wirkt wenig ausgefeilt, als hätte der Autor einen wichtigen Termin gehabt und den Roman schnell noch fertigschreiben wollen, bevor er zu seiner Weltreise, einem sozialen Projekt in den Tropen - oder zu was auch immer ihm wichtiger war - aufbrechen musste.
Das Buch macht den Eindruck eines literarischen Flickwerks, bei dem sich der Vergleich mit Mary Shelleys Frankenstein aufdrängt, allerdings weniger inhaltlich als vielmehr ästhetisch: „Das letzte Buch von Marceau Miller“ wirkt zusammengetackert, mit üblen Narben, kaum zueinander passenden Körperteilen. Nur fehlt dem Werk, anders als Shelleys Frankenstein, etwas ganz Entscheidendes: die Seele.