Stille des Nordens

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Elsa ist ein neunjähriges Sámimädchen und fährt erstmals alleine mit ihren Skiern zum Rentiergehege, um Säcke mit Futterpellets herzurichten und Rentierflechten zu sammeln. Als sie ankommt, entdeckt sie jedoch ihr totes Rentierkalb und dessen Mörder, der ihr die Geste des Halsabschneidens zeigt, sollte sie nicht Stillschweigen bewahren. So behält die Jüngste in der Familie ihr Geheimnis für sich, wobei sie sich gleichzeitig schuldig fühlt, weil der Täter ungestraft davonkommt. Andererseits nimmt die Polizei solche Vorfälle ohnehin nur als Diebstahl zu Protokoll.

In drei grobe Abschnitte gegliedert und in viele einzelne Kapitel, welche mit Zahlen auf Samisch durchnummeriert sind, präsentiert Laestadius diesen Roman. Eine ruhige Schreibweise, passend zur Stille der langen Winter im hohen Norden, begleitet den Leser durch mehr als zwanzig Jahre mit detaillierten und interessanten Szenen aus dem Leben der Samen. Spannende Besonderheiten über acht Jahreszeiten, bunte Festgewänder, Kunst und Rentierhaltung, sowie die Ablehnung durch die Bewohner aus den umliegenden Dörfern werden voller Einfühlungsvermögen erzählt. Auch wenn die Darstellung da und dort lang erscheinen mag, so spiegelt genau das das Leben in Abgeschiedenheit und Einsamkeit wider, die langen dunklen Nächte, die tief verschneiten Wälder, die Weite des Landes und die Liebe zu den Rentieren. Besondere Fellschattierungen und Zeichen am Ohr lassen die Züchter ihre Herde erkennen, oftmals bekommen die Tiere sogar Namen, Elsas Kalb war für die kurze Dauer seines Lebens Nástegallu.

Inmitten dieser scheinbar idyllischen Landschaft ist aber gar nicht alles eitel Wonne. Wilderer treiben (nicht nur im Roman – am Ende des Buches wird auf wahre Grundlagen in Sápmi hingewiesen) ihr Unwesen, was allerdings, wenn überhaupt, nicht als schweres Verbrechen geahndet wird, sondern nur als Diebstahl. Oftmals hat die Polizei nämlich weder zeitliche noch personelle Ressourcen, um solchen Anzeigen nachzugehen. Elsas Zwiespalt, sich selbstbewusst diesem harten Leben zu stellen und gleichzeitig ihre Angst vor den Gegnern vermag die Autorin gekonnt nachzuzeichnen. Dazu kommt noch so mancher Nachbar, der Zurückhaltung einfordert, um Unruhen und Streitereien zu vermeiden. Auch in den konservativen Familienverbänden geht es nicht immer unkompliziert zu, die jüngeren Mitglieder haben zu kämpfen mit den starren Erwartungen der Alten und gleiten leicht ab in Depressionen oder Alkoholsucht.

Erst nach vielen Jahren, als die Zustände unerträglich werden, setzt Elsa einen mutigen Schritt. Damit steigt die Spannung, welche lange Zeit eher wenig spürbar ist, deutlich an. Insgesamt tut das aber der interessanten und informativen Handlung keinen Abbruch. Das Augenmerk liegt ja auf der Schilderung der extremen Lebenssituation.

So tut sich dem Leser bestimmt in vielen Fällen ein völlig neuer Aspekt auf, wie das Leben nördlich des Polarkreises funktioniert. Da Ann-Helén Laestadius selbst gebürtige Sámi ist und aus dem Erfahrungsschatz ihrer Familie schöpfen kann, wirkt dieses Buch rundum authentisch. Auch, dass sie viel Zeit darauf verwandt hat, um „die richtige Form für diese Geschichte zu finden“ (kindle, Pos. 5806) merkt man bei all den so feinfühligen und taktvollen Schilderungen der einzelnen Szenen. Das Verständnis für Mensch, Tier und Natur wird jedenfalls immer wieder geschärft, jedoch die Vorkommnisse in diesem wunderbaren Roman zeigen, dass vieles trotz offizieller Grundlagen immer noch im Argen liegt.

Danke, Ann-Helén Laestadius, für dieses Plädoyer, welches die indigene Bevölkerung Skandinaviens nicht in Vergessenheit geraten lässt. Ich kann nur eine klare Leseempfehlung aussprechen für dieses ruhige, aber eindringlich verfasste Werk.





Titel Das Leuchten der Rentiere

Autor Ann-Helén Laestadius

ISBN 978-3-455-01294-1

Sprache Deutsch

Ausgabe Gebundenes Buch, 448 Seiten

ebenfalls erhältlich als e-book

Erscheinungsdatum 4. Oktober 2022

Verlag Hoffmann und Campe

Originaltitel Stöld

Übersetzer Maike Barth, Dagmar Mißfeldt