Ein Mosaik aus Begegnungen – Bewegende Lebenserinnerungen

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MEINE MEINUNG
In seinem neuen, faszinierenden Roman „Das Mosaik der Frauen“ erzählt Rafik Schami über das Leben als fein gesponnenem Geflecht aus Erinnerungen, Verlusten und prägenden Begegnung mit Frauen, die sich manchmal nur kurz, manchmal jedoch für immer in die Biographie einschreiben.
In der Rahmenhandlung begegnen wir Said Mardini, einem Mann, der vor Jahrzehnten aus Syrien nach Heidelberg gekommen ist und dem der todkranke Nadim Suri seine bewegte Lebensgeschichte anvertraut. Im eigentlichen Hauptteil des Romans bildet jedoch Nadim Suris Perspektive, der ebenfalls aus Damaskus über Beirut nach Heidelberg geflüchtet ist und nun rückblickend nicht nur von politischen Umbrüchen, Flucht und Neuanfängen berichtet, sondern vor allem jene Frauen in den Blick nimmt, die seinen Lebensweg zeitweise begleitet, geprägt, bereichert und nachhaltig verändert haben.
Mit einer Ausnahme ist jeder Frau ein eigenes, selbstständiges Kapitel gewidmet, in dem Nadim in wohltuender, hochachtungsvoller Erinnerung von ihren Begegnungen, ihrer Liebe, von stillen Momenten der Zuneigung, aber auch von Schmerz, Enttäuschung und schmerzhaften Trennungen berichtet.
Aus diesen unterschiedlichen Episoden, gleichsam als einzelne, bunten Mosaiksteinchen, entsteht nach und nach ein vielgestaltiges, von Brüchen durchzogenes Lebensbild, das Nadim zu dem charismatischen Menschen werden lässt, der er heute ist. Schami gelingt es hervorragend, aufzuzeigen, dass das Leben seines Protagonisten keine geradlinige, kontinuierliche Chronik darstellt, sondern aus zahlreichen, jeweils prägenden Begegnungen besteht, in denen sich die Persönlichkeit im Laufe der Zeit immer wieder aufs Neue zusammensetzt. Jede von ihnen hinterlässt dabei Spuren von anderer Art, Tiefe und Wirkung.
Gerade durch die Verbindung von Nadims persönlicher Lebensgeschichte mit der politischen Enge und der kulturellen Vielfalt Syriens gewinnt der Roman eine besondere Eindringlichkeit und fast greifbare atmosphärische Dichte. Insbesondere die Fragilität privaten Glücks gegenüber den ständigen Bedrohungen, dem Verlust von Freiheit und der Gefahr, Menschen zu verlieren, lässt die zwischenmenschlichen Beziehungen umso wertvoller und zärtlicher erscheinen.
Eindrucksvoll zeichnet Schami seine syrische Heimat, indem er uns einen lebendigen Blick auf das alltägliche Leben in Damaskus ermöglicht, eine widersprüchliche Stadt, die geprägt ist von religiöser Vielfalt, Aberglauben, fragilen Hoffnungen und den vielen Facetten der Beziehungen. Mit großer Empathie und sicherem Blick für Details entwirft er ein Bild des Landes, das von einem repressiven Regime geprägt ist und dessen Bevölkerung ständig im Schatten von Misstrauen, Überwachung, Gewalt und diffuser Angst lebt.
Schami schreibt über die Frauen in Nadims Leben als lebendige, komplexe Charaktere, die Nadim geformt und deutliche Spuren hinterlassen haben, aber auch durch ihn geprägt wurden.
Schami beweist erneut sein großes erzählerisches Können. Sein bildgewaltiger, oft poetischer Schreibstil strahlt eine warmherzige, fast vertrauliche Nähe aus, als säße man selbst im Raum und hörte Nadim beim Erzählen zu. Zwar fordert die verschachtelte, mäandernde Erzählweise viel Aufmerksamkeit und Geduld, doch gerade die scheinbar beiläufigen Abschweifungen und eingeschobenen Geschichten verleihen der berührenden Lebensgeschichte einen besonderen Reiz. Sie wirken nie willkürlich, sondern ergänzen die zentrale Metapher des Mosaiks, das keine perfekten, geraden Linien kennt, sondern aus Brüchen, Lücken und scheinbar unzusammenhängenden Teilen besteht. Erst mit Abstand und im Rückblick erschließt sich das Ganze auf beeindruckende Weise vollständig.