Eine literarische Meditation über Liebe, Verlust und die Kraft des Respekts

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Rafik Schamis Roman „Das Mosaik der Frauen“ hat mich nicht sofort für sich eingenommen. In den ersten Kapiteln war ich eher suchend als gebannt. Ich hatte eine geradlinigere Erzählung erwartet, doch Rafik Schami wählt einen anderen Weg. Er setzt sein Buch aus Erinnerungen, Abschweifungen, Anekdoten und Lebensgeschichten zusammen, die sich erst nach und nach zu einem großen Ganzen fügen. Wie bei einem Mosaik erschließt sich das Bild nicht im ersten Blick, sondern erst dann, wenn man innehält und bereit ist, die einzelnen Steine auf sich wirken zu lassen.
Im Zentrum stehen zwei Männer syrischer Herkunft. Said Mardini, Schriftsteller und Dolmetscher in Heidelberg, besucht auf Bitten seines Freundes, des Arztes Klaus Rosenbaum, den todkranken Nadim Suri. Dieser, ein wohlhabender und lebenssatter Mann, spürt, dass seine Zeit zu Ende geht. Bevor er stirbt, möchte er seine Geschichte erzählen, nicht nur als chronologische Bilanz, sondern als Erinnerung an die Frauen, die ihn geprägt haben. An zehn Tagen, jeweils einem Kapitel gewidmet, entfaltet sich ein ganzes Leben zwischen Damaskus, Beirut und Heidelberg.
Was mich besonders berührt hat, ist die tiefe Achtung, mit der Nadim von den Frauen spricht. Seine Mutter, eine jüdische Frau deutscher Herkunft, steht am Anfang dieser Erinnerungen. Sie ist eine beeindruckende Gestalt, klug, warmherzig, selbstbewusst und von einer stillen Stärke, die weit über ihre Rolle als Mutter hinausgeht. Auch später begegnet Nadim Frauen, die ihn lieben, herausfordern, trösten oder verlassen. Keine von ihnen bleibt Staffage. Jede hinterlässt eine Spur, jede fügt dem Bild seines Lebens eine neue Farbe hinzu.
Schami erzählt diese Geschichten mit großer Wärme und mit jener souveränen Gelassenheit eines Autors, der seinen Figuren mit echter Zuneigung begegnet. Immer wieder öffnet sich der Blick von der persönlichen Ebene auf die politische Geschichte Syriens. Man erfährt von einem Damaskus, das einst von religiöser Vielfalt, geistiger Offenheit und kultureller Selbstverständlichkeit geprägt war. Zugleich wird sichtbar, wie diese Welt durch Fanatismus, Diktatur und Gewalt zerstört wurde. Besonders eindringlich sind die Passagen, in denen Rafik Schami von Verfolgung, Verlust und Exil erzählt. Sie wirken nie belehrend, sondern gehen unmittelbar aus den Lebensgeschichten hervor.
Mitunter verlangt der Roman Geduld. Nadim Suri schweift häufig ab, erzählt von Nebenfiguren, Erinnerungen und Episoden, die zunächst weit vom eigentlichen Geschehen wegzuführen scheinen. Ich gebe zu, dass mich diese Abschweifungen an manchen Stellen irritiert haben. Doch je länger ich las, desto deutlicher wurde mir, dass gerade darin ein wesentlicher Reiz des Romans liegt. Erinnerungen verlaufen selten geradlinig. Sie folgen Assoziationen, Umwegen und Rückblenden. Rafik Schami bildet diese Form des Erzählens mit großer Authentizität nach, eine Nachbildung als Letztes Resümee eines langen Lebens.
Besonders eindrucksvoll fand ich die Grundhaltung des Buches. Trotz aller Erfahrungen von Verlust, Verrat und Gewalt ist dies kein bitterer Roman. Er ist von einem tiefen Humanismus getragen. Er erzählt von Liebe, Freundschaft, Respekt und der Fähigkeit des Menschen, selbst in schwierigen Zeiten Würde zu bewahren.
Rafik Schami ist mit diesem Roman ein vielschichtiges, kluges und zugleich sehr berührendes Werk gelungen. Das Mosaik der Frauen ist keine schnelle Lektüre für zwischendurch, sondern ein Buch, dem man Zeit und Aufmerksamkeit schenken sollte. Wer sich darauf einlässt, wird mit einem reichen Panorama von Erinnerungen belohnt, das weit über die Geschichte eines einzelnen Mannes hinausweist. Für mich war es ein Roman, der nicht nur unterhalten, sondern meinen Blick auf den Nahen Osten, auf das Exil und auf die prägende Kraft menschlicher Begegnungen nachhaltig erweitert hat.