Eine persönliche Geschichte Syriens
Ein delikates arabisches Ornament in Goldprägung ziert das Cover und lässt mich das Buch wie einen Schatz in den Händen halten. Es verspricht nicht zu viel: von der ersten Seite weg taucht man ein in die Atmosphäre der arabischen Welt, eines Damaskus vor dem Krieg, in dem Juden, Muslime, Orthodoxe und Katholische Christen, Jeziden, Alawiten etc. friedlich zusammenleben. In jedem Kapitel der Geschichte, die der Erzähler aufmacht, öffnen sich zahlreiche weitere kleine Geschichten. Eine Geschichten-Babuschka, aber nicht eine, in der man sich verliert und nicht mehr herausfindet. Im Gegenteil, subtil und behutsam führt der Erzähler immer wieder zurück zum Hauptstrang der Geschichte. Beim Lesen lebe ich mit dem Protagonisten, Nadim, mit. Ich entdecke die Literatur, das Leben, die Liebe und den Krieg mit ihm; ich liebe und leide mit ihm. Jede der beschriebenen Frauen lehrt ihn etwas über das Leben und formt seine Persönlichkeit. Ich spüre seine Verluste, und ich kann mit ihm die Heiterkeit und Demut üben, mit der er alle seine Schicksalsschläge annimmt. Eingepackt in die Geschichte und das Einzelschicksal des sterbenden Nadim Suri lernen wir die Geschichte Syriens kennen und wie es von der friedlichen Koexistenz zum Bürgerkrieg mit seinen vielen Opfern und Geflüchteten kam. Ich habe Rafik Schami schon zuvor sehr gerne gelesen, aber dieses Buch ist noch einmal eine Stufe fesselnder, und, wie ich denke, persönlicher als seine bisherigen Werke. Absolut lesenswert!