"Nun bin ich wieder abgeschweift"

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Vorab: eigentlich war ich ein Fan des im Jahr 1946 in Damaskus geborenen und seit 1971 in Deutschland lebenden Schriftstellers Rafik Schami. Ich habe schon einige seiner anderen Bücher, z.B. "Eine Hand voll Sterne", gelesen und seine poetische, geschichtenerzählende Schreibweise geliebt. Deshalb war ich sehr gespannt auf sein neues Buch "Das Mosaik der Frauen", das auch äußerlich wunderschön gestaltet ist. Leider ist dieses Buch aber eine Enttäuschung und ich kann ihm mit viel Wohlwollen nur 3 knappe Sterne geben.

Warum? Der Titel, den ich für diese Rezension gewählt habe, und der ein direktes Zitat aus dem Buch ist (S. 224, und viele weitere Stellen), sagt es schon: "Nun ich wieder abgeschweift". Dieses Buch will einfach zu viel auf einmal oder es wurde aus Rücksicht auf den etablierten Schriftsteller und den Respekt vor seinem Alterswerk kaum lektoriert.

Anders kann ich mir nicht erklären, dass in diesem Buch zwar an manchen Stellen noch die ursprüngliche Erzählkunst des Autors durchschimmert, sie sich aber insgesamt in viel zu vielen kleinen Lebensausschnitten unzähliger Menschen, die man durch die Knappheit nicht näher kennen lernt und mit denen man deshalb nicht wirklich mitfühlen oder sich für ihre Schicksale interessieren kann, garniert mit für mich nicht sonderlich humorvollen Witzeinlagen, allgemeinen Lebensweisheiten und Anekdoten verliert.

Schon am Anfang muss man sich in Geduld üben, bevor die eigentliche Erzählung beginnt: wir lernen erst einmal auf dutzenden Seiten den Schriftsteller kennen, dem die Hauptfigur, ein sich im Krankenhaus befindlicher älterer Syrer, seine Geschichte von den Frauen, die ihn geprägt haben, erzählt. Frauengeschichten sind es viele, von der Mutter und der Schwester über die Ehefrau, Freundinnen bis zu diversen Bekanntschaften und bei manchen ist es nur eine Kleinigkeit, die er als Weisheit aus dem gemeinsamen Kontakt mitgenommen hat. Wirklich nahe kommt einem dabei, wie gesagt, kaum eine der Figuren, dazu sind es viel zu viele.

Noch dazu beschränkt sich das Buch nicht einmal auf den Mann und die ihn prägenden Frauen, sondern wie nebenbei werden noch kurz die Geschichten von Hinz und Kunz und sonstwem angerissen, sodass insgesamt gefühlt sicher von 50 Menschen erzählt wurde, ohne dabei wirklich in die Tiefe zu gehen.

Interessant waren für mich der historische Hintergrund der Entwicklung der Länder im Nahen Osten in den letzten Jahrzehnten, das Aufzeigen, wie auch Bürgerbewegungen mit ursprünglich hehren Zielen oft zu genauso schrecklichen Diktaturen werden, wenn sie an der Macht sind, sowie diverse kulturelle Einblicke in ein Syrien, das so eine reiche und vielfältige kulturelle und religiöse Geschichte hat. Auch das hätte man über in ein Buch mit mehr Fokus und Tiefe noch besser einbetten können. Positiv ist aber doch, dass deutlich wird, wie viel Respekt und Achtung der Autor Frauen insgesamt entgegenbringt.

Insgesamt kann ich dieses Buch dennoch vorwiegend langjährigen Fans von Rafik Schami empfehlen, um es mit seinen anderen Büchern vergleichen zu können. Wer den Autor aber noch nicht kennt, dem rate ich dazu, zu einem seiner anderen Werke zu greifen, da in diesen sein zweifellos vorhandenes Erzähltalent viel besser rauskommt.