Verkanntes Talent - verkannte Chance

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yvonnef Avatar

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Auf dem Cover von Reto U. Schneiders "Das Pferd, das zu viel wusste", ganz in Blau- und Grüntönen gehalten, schaut uns ein blaues Pferd entgegen, die Ohren aufmerksam nach vorn gespitzt. Fast so, als wolle es mit uns sprechen. Natürlich drängt sich eine Assoziation auf: Franz Marcs "Blaues Pferd". Ikonisch.

Die Geschichte vom „Klugen Hans“, jenem Pferd, das Anfang des 20. Jahrhunderts gemeinsam mit seinem Trainer Karl Friedrich Wilhelm von Osten Weltruhm erlangte, ist legendär. Von Osten, ein Berliner Mathematiklehrer und Pferdefreund, bringt Hans das Rechnen bei. Bald heißt es, Hans verstehe die menschliche Sprache, könne bis hundert zählen, kenne die Spielkarten und verfüge sogar über ein absolutes Gehör.

Eine Revolution aus Sicht der damaligen Wissenschaft! Hans – und mit ihm sein Trainer – wird zum Superstar. Bald erregt das Pferd auch die Aufmerksamkeit von Politikern, die seine sensationellen Fähigkeiten für ihre Zwecke nutzbar machen wollen und insbesondere über deren mögliche Verwertbarkeit im Krieg phantasieren.

Spoiler: Hans konnte gar nicht rechnen. Sein Ruhm sollte schließlich zu Staub zerfallen.

Aber Hans konnte etwas anderes. Er besaß offenbar eine ganz außergewöhnliche Sensibilität – eine Fähigkeit, die nicht als solche erkannt wurde. Vielleicht auch, weil der preußisch-militärisch geprägte Zeitgeist dafür keinen Sinn und, im wahrsten Sinne des Wortes, keine „Sinne“ hatte: keine Wahrnehmung, keine Resonanz.

Mehr wird an dieser Stelle nicht verraten.

Vielleicht deutet sich genau hier bereits eine Verbindung zwischen der Geschichte des Klugen Hans und dem Prolog des Buches an. Dort begegnen wir Bob Sturm, einem promovierten Physiker und Musiker, der sich mit automatischer Musikerkennung beschäftigt. Bei seinen Untersuchungen stößt er auf ein fundamentales Problem: Ein Computerprogramm liefert zwar die richtigen Ergebnisse – aber nicht aus den Gründen, die die Forschenden angenommen haben. Es scheint Musik zu „erkennen“, tatsächlich orientiert es sich jedoch an etwas ganz anderem.

Und plötzlich taucht für Sturm in einem wissenschaftlichen Vortrag und in Folge im wissenschaftlichen Diskurs über künstliche Intelligenz ein Pferd auf: der Kluge Hans. Sturm erkennt in ihm ein Sinnbild für ein grundlegendes Problem der KI-Forschung. Denn was beweist ein richtiges Ergebnis eigentlich darüber, wie es zustande gekommen ist? Können wir aus einer menschenähnlichen Antwort tatsächlich auf menschenähnliches Verstehen schließen?

Und wurde nicht auch bei Hans zunächst genau dieser Fehler gemacht?

Vielleicht tat Hans nicht einfach nur so, als könne er rechnen. Vielleicht ist die interessantere Frage eine andere: Was tat er tatsächlich? Was konnte er, das die Menschen um ihn herum zunächst gar nicht als eigenständige Fähigkeit wahrnahmen? Und hätte gerade dieses andere Talent einen Schlüssel zu einem tieferen Verständnis dieses besonderen Pferdes bieten können?

Ich bin sehr gespannt darauf, wie Reto U. Schneider diese beiden Narrative miteinander verknüpft: die Geschichte des Klugen Hans und die Geschichte künstlicher Intelligenz; unseren Anspruch auf „objektive“ Wissenschaft und die Begrenztheit unserer Wahrnehmung durch die Kontexte, in denen wir Wirklichkeit deuten; Fehleinschätzungen, Hybris und Irrtümer – und schließlich auch die Frage, was geschieht, wenn vermeintliche Intelligenz und außergewöhnliche Fähigkeiten für die Interessen Mächtiger nutzbar gemacht werden sollen, bis hin zu Militarismus und Krieg.