Ist Intelligenz allein Menschen vorbehalten?

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„Das Pferd, das zu viel wusste“ ist eine liebevoll recherchierte Aufarbeitung zum Hengst ‚Kluger Hans‘, der zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts durch seine vermeintlichen Denk- und Rechenfähigkeit weltweit Schlagzeilen machte. Durch die wissenschaftliche Erforschung seiner vermeintlichen Intelligenz verhalf der Fall der experimentellen Psychologie zum Durchbruch und gibt bis heute wichtige Impulse für Forschungsexperimente zu Tierverhalten, denkenden Maschinen und selbsterfüllenden Prophezeiungen – insbesondere auch im Diskurs um Künstliche Intelligenz.

Aus Zeitungsmeldungen, Forschungsberichten und Konferenzprotokollen rekonstruiert Reto U. Schneider den Hype um Hans, den Aufruhr über Fachdisziplinen von Psychologie, Zoologie und Biologie hinweg sowie die öffentliche Begeisterung für sprechende oder wie ein Mensch denkende Tiere. Der Autor stellt dabei nicht nur die verschiedenen Akteure vor, von Hans‘ Besitzer und Lehrer Wilhelm von Osten bis zu den Mitgliedern eilends eingerichteter Untersuchungskommissionen, sondern verortet auch die von ihnen teils vehement vertretenen Ansichten für oder gegen eine menschenähnliche Vernunftbegabung von Tieren im zeitgenössischen Diskurs.

Durch die zeitliche Abfolge der Geschehnisse um Hans hat das Buch eine klare Handlungsstruktur, die Schneider um sinnvoll eingebettete Exkurse zu wissenschaftlichen Grundlagen sowie anderen relevanten Experimenten mit Tieren, Menschen und Maschinen ergänzt. Dadurch werden auch die komplexen Grundlagen und Limitierungen „Künstlicher Intelligenz“ leicht verständlich. So finden zahlreiche spannende Fragen und Erkenntnisse Platz, die sich u.a. damit beschäftigen, ob bzw. wie Tiere oder Maschinen menschliches Denken lernen können, wie neuronale Netze für KI entstanden und weiterentwickelt werden, welche Rolle Sprache im Prozess solcher Forschungen spielt und nicht zuletzt, wie menschliche Erwartungshaltungen die Ergebnisse Tierstudien, aber auch KI-Antworten verzerren.

Das Buch hat ein ausgesprochen langsames Erzähltempo, ist dafür jedoch auch völlig ohne weiterführende Kenntnisse zu den wissenschaftlichen Diskursen problemlos verständlich. Die Recherchen zu Hans werden vielseitig mit Zeitungs- und Textausschnitten historischer Dokumente sowie Fotografien begleitet. Die Exkurse u.a. zu sprechenden Hunden, denkenden Affen, Laborratten und Schülerexperimenten sorgen für ein umfängliches Bild zur Entstehung von KI sowie deren Stärken und Limitationen, die man sich als heutzutage teils gedankenloser Nutzer von KI-Anwendungen häufiger noch einmal ins Gedächtnis rufen sollte.