Pferd Hans und die Künstliche Intelligenz

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„Ein Wesen, das mit einem Menschen sprechen kann wie ein Mensch, kann auch denken wie einer - auch wenn dieses Wesen eine Maschine ist. Was im Innern der Maschine geschieht, ist dabei egal, solange sich ihre Reaktionen nicht von denen eines Menschen unterscheiden lassen.“

Als vor über 100 Jahren ein Pferd in Berlin eigenständig zu rechnen schien, war die Sensation perfekt. Der kluge Hans, Pferd eines starrsinnigen und strengen Ex-Lehrers, schien tatsächlich rechnen und auch die menschliche Sprache verstehen zu können. Er konnte beliebige Ja/Nein-Fragen beantworten und kannte Feiertage. Verschiedene Manipulationen seitens seines Besitzers wurden in Betracht gezogen. Doch um eine Dressur im bekannten Maße schien es sich nicht zu handeln. Konnte Hans wirklich denken?

Tatsächlich klingt das auch heute noch nach einer Sensation! Inzwischen wissen wir aber, dass Hans nicht rechnen oder sprachlich denken konnte, sondern dass das Pferd auf minimale und dem Menschen selbst unbewusste Veränderungen in der Mimik seiner Halter reagierte. (Eigentlich finde ich dieses Können des Pferdes extrem erstaunlich! Die wenigsten Menschen achten so genau auf ihre Mitmenschen. Doch das soll nicht Thema des Buches sein…)

Hans konnte also gar nicht rechnen. Und auch moderne KIs rechnen nicht. Einer KI liegt ein neuronales Netz zugrunde, das vereinfacht ausgedrückt mit Wahrscheinlichkeiten und Häufungen arbeitet: Was man der KI häufig als Information anbietet, nimmt sie als wahrscheinlichste und damit richtige Antwort. Auf diese Weise bildet sie Sätze, so ergänzt und verarbeitet sie Bilder. Dabei passieren nicht nur Fehler, die als richtige Aussagen präsentiert werden, sondern eine KI gibt damit auch ein Bild der Wirklichkeit wider, das stark verzerrt sein kann. Minderheiten (Unwahrscheinlichkeiten) werden nicht berücksichtigt und Aussagen, die nur häufig genug getroffen und geteilt wurden, bestimmen die Antwort der KI. Man könnte sagen: Die KI spiegelt das wider, was sie in unseren virtuellen Gesichtern lesen kann, und gibt damit eine Interpretation von „normal“ als unanfechtbare Wahrheit aus. (Diese Interpretation variiert von Anfrage zu Anfrage und ist nicht reproduzierbar; zumindest nicht in den KI-Tools, die uns kostenlos im Internet zur Verfügung gestellt werden.)
Es sollte auch nicht außer Acht gelassen werden, dass eine KI zunächst von einem Menschen entwickelt und programmiert werden muss, bevor sie sich auf ihren halluzinogenen Trip begeben kann.

Pferd Hans und moderne KIs haben also ein paar Gemeinsamkeiten und diese stellt Reto U. Schneider in seinem Buch heraus. „Das Pferd, das zu viel wusste“ ist sehr unterhaltsam geschrieben und nicht so trocken, wie man es bei einem Sachbuch befürchten könnte. Auch sind einige Fotos und Grafiken eingebunden. Mir fehlte allerdings eine deutliche Strukturierung. Das Buch liest sich eher wie ein großer Text, der nicht einteilbar ist. Auch finden einige Wiederholungen statt und man kommt wenig auf den Punkt.

Dennoch kann ich das Buch weiterempfehlen. Selbst denjenigen Leser*innen, die kein besonders großes Interesse an einem weiteren Buch zum Thema Künstliche Intelligenz haben, denn vielleicht haben sie ja Spaß an der Geschichte von Hans, der über so viel tierische und emotionale Intelligenz verfügte.