Beeindruckendes Debut
Die junge Autorin Betty Boras ließ sich für ihren Debutroman von der eigenen Biographie inspirieren
Wie ihre Protagonistin Vio ist auch sie 1980, nach dem Sturz von Diktator Ceaucescu, als Sechsjährige mit ihren Eltern aus Rumänien nach Deutschland gekommen. Obwohl die Familie aus dem deutschsprachigen Banat stammt, nimmt sie in ihrer neuen Heimat, einem Ort nahe Stuttgart, eine Außenseiterrolle ein. Zu sehr unterscheidet sich ihr Dialekt, ihre Kleidung und ihre Lebensweise von dem ihrer schwäbischen Nachbarn. Deshalb gilt es für Vio und ihre Eltern sich anzupassen, nie unangenehm aufzufallen. Mutter und Vater arbeiten hart, damit ihre Tochter es einmal besser haben wird. Wie alle Eltern wünschen sie sich für ihr Kind „ das schönste aller Leben“. Und auch Vio gibt alles dafür. Sie ist fleißig, besucht das Gymnasium, studiert sogar. Sie scheint angekommen zu sein. Das Glück ist vollkommen, als sich bald nach ihrer Heirat das erste Kind einstellt. Doch dann der Unfall, von dem ihre kleine Tochter bleibende Narben davonträgt. Und Vio gibt sich die Schuld daran. Das stürzt die junge Mutter in eine tiefe Krise, an der sie beinahe zerbricht.
Die Geschichte von Vio erzählt Betty Boras in zwei Erzählsträngen, die sich langsam annähern. Der eine handelt von Vios Aufwachsen in Deutschland, der andere beschreibt die Situation der jungen Mutter. Hier verwendet die Autorin die Ich-Perspektive, was den Lesenden noch stärker an der Verzweiflung von Vio teilnehmen lässt.
Es gibt aber noch einen weiteren Erzählstrang, der zurück in die Vergangenheit führt. Im Wiener Umfeld lebt im 18. Jahrhundert Theresia. Der wird ihre Schönheit zum Verhängnis. Von den jungen Männern im Dorf begehrt, von den Frauen als uneheliches Kind gebrandmarkt, gerät sie ins Visier der Keuschheitskommission, eine Art Sittenpolizei unter Maria Theresia. Sie wird verurteilt und ins Banat deportiert, wo sie in einem Arbeitslager schuften muss.
Betty Boras verbindet gekonnt die verschiedenen Erzählstränge, verknüpft ihre Themen wie Herkunft, Zugehörigkeit, Mutterschaft und Schönheitsideale über die Generationen hinweg. Dabei findet sie für jeden Erzählstrang eine eigene Stimme, einen eigenen Ton. Feinfühlig beschreibt sie die inneren Konflikte ihrer Figuren, lässt sie an den Umständen wachsen und reifen.
Was es bedeutet, seine Heimat verlassen zu müssen und in einer fremden Umgebung Fuß zu fassen, kennen wir aus unzähligen Migrationsgeschichten. Doch auch diese hier verdient es, erzählt zu werden. Für die Banater Schwaben gilt zusätzlich, dass sie in beiden Ländern eine Außenseiterrolle spielten. Waren sie in Rumänien die Deutschen, so waren sie in Deutschland „ nicht deutsch genug.“
Warum Vio der Schönheit ihrer Tochter einen so hohen Stellenwert zumisst, lässt sich leicht aus ihrer Biographie erklären.
Immer war das wichtigste Kriterium in ihrer Familie, was andere über sie dachten. Und gerade weil Vio selbst so um Anerkennung kämpfen musste, soll ihr Kind es leichter haben. Schönheit und Makellosigkeit öffnen viele Türen, das weiß Vio. Auch wenn es immer heißt, dass die inneren Werte zählen, so urteilt die Gesellschaft sehr oft doch nach äußeren. Sich von diesem Schönheitsideal frei zu machen, das fällt Vio schwer. Nur langsam und mit Hilfe von außen kann sie darauf vertrauen, dass ihr Kind, trotz Narben im Gesicht, ein gutes Leben haben kann.
Die Banater Erde kommt in einigen Kapiteln ebenfalls zu Wort. „Dreihundert Jahre ist es her, dass ich eure Mutter wurde. Ihr kamt aus vielen Teilen Deutschlands zu mir, aber ihr wurdet alle Schwaben genannt.“ So erfährt der Lesende einiges über die Geschichte dieser Gegend, die einst zur Habsburger Monarchie gehörte, bevor sie nach dem Ersten Weltkrieg auseinandergerissen und zum Großteil Rumänien, aber auch Jugoslawien und Ungarn zugeteilt wurde. Die Bewohner dort hatten es nie leicht. „Die Ersten von euch starben zuhauf, in meinem schleimigen Inneren wuchsen Krankheiten zu Seuchen heran. Die nächste Generation plagte sich mit harter Arbeit, entwässerte und beackerte mich, während ihre Kinder endlich das Ergebnis der Mühen ihrer Ahnen ernten konnten.“
Betty Boras ist mit „Das Schönste aller Leben“ ein beeindruckendes Debut gelungen, das mich von der ersten Seite an gefesselt hat.
Das Buch ist von seiner vielschichtigen Thematik her auch eine ideale Lektüre für Lesekreise.