Der Wert der Schönheit

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magdas_buecherwelt Avatar

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Den Debütroman von Betty Boras „Das schönste aller Leben“ habe ich sehr gern gelesen. Es ist die Geschichte von Vio und ihrer Vorfahrin Theresia, die im 18. Jahrhundert im rumänischen Banat gelebt hatte.
Vio ist als Kind mit ihren Eltern aus Rumänien nach Deutschland gekommen. Sie stammen von den Banater Schwaben ab, die sich vor dreihundert Jahren in Rumänien angesiedelt hatten.
Wir begleiten Vio durch ihre Kindheit in Deutschland. Ihre Eltern sprechen einen auffälligen Dialekt und kleiden sich anders als „die Hiesigen“. Der Vater arbeitet in einer Fabrik, die Mutter in einer Bäckerei. Vio ist sehr gut in der Schule und wechselt nach der Grundschule aufs Gymnasium, danach studiert sie Lehramt.
Als ihre kleine Tochter zwei Jahre alt ist, passiert ein Unglück, nach dem das Kleinkind Narben im Gesicht davonträgt. Für Vio bricht eine Welt zusammen, sie verfällt in Depressionen. Zum einen gibt sie sich die Schuld für den Unfall, zum anderen glaubt sie, dass es für eine Frau bzw. ein Mädchen unheimlich wichtig sei, schön zu sein. Wie oft haben ihre Eltern mit ihrer hübschen Enkelin geprahlt, wie oft wurde ihre Schönheit von anderen bewundert. Vio glaubt, dass ihre Tochter mit Narben im Gesicht kaum noch Chancen hat, zu heiraten, Kinder zu bekommen, glücklich zu werden.
Vios Vorfahrin Theresia kannte ihren Vater nicht, ihre Mutter hat sie früh verloren. Nach ihrem Tod wurde das kleine Mädchen von einer Familie im Dorf aufgenommen, die einen gleichaltrigen Sohn hatte. Hans und Theresia wuchsen wie Geschwister auf, bis sich Hans in die schöne Theresia verliebt hatte. Doch diese hatte ihr Herz bereits an einen anderen verloren, von dem sie schwanger wurde. Theresias Schicksal wird von der Keuschheitskommission besiegelt, die sie ins Banat verbannt.
Die Kapitel erzählen abwechselnd Vios und Theresias Geschichte. Zwischendurch erzählt uns die Banater Erde ihre Geschichte.
Vio war mir nicht durchgehend sympathisch, oft drehten sich ihre Gedanken im Kreis: Um ihre Schuld am Unfall und die dadurch zerstörten Zukunftsperspektiven ihrer Tochter. In der Therapie erfährt sie, dass ihre Depressionen genetisch bedingt sind. Vio hatte als 13jährige eine depressive Episode, als sie gegen die beginnende Skoliose ein Korsett tragen musste. Einige Jahre später hat sie sich geweigert, eine Zahnspange zu tragen – noch ein Opfer wollte sie um der Schönheit willen nicht bringen.
Der Schreibstil von Betty Boras ist poetisch und bildhaft, ich konnte mich gut in die Protagonistinnen versetzen. Beide Geschichten haben mich sehr berührt, der Neubeginn in Deutschland brachte Erinnerungen in mir hoch, da auch ich als Kind meine Heimat verlassen musste.
Ein gelungener Debütroman, für den ich fünf Sterne vergebe und den ich gerne weiterempfehle.