Ein bereicherndes und schmerzhaft ehrliches Debüt

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nessabo Avatar

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Betty Boras ist wohl vielen in der Bookstagram-Bubble ein Begriff und umso höher waren auch meine Erwartungen an das Debüt der Autorin. Glücklicherweise konnten die in voller Höhe erfüllt werden.

Zuerst einmal bin ich begeistert davon, wie Boras mit ihrer Sprache umzugehen weiß. Ihre Worte sind bewusst gewählt und treffen präzise ins emotionale Zentrum ihrer Leser*innenschaft. Dabei wandert die Autorin sprachlich genau an der Grenze von feiner Poesie und direktem Ausdruck, was ich sehr genossen habe. Sie schweift nicht zu malerisch ab, hat mich aber dennoch zum aufmerksamen Lesen angehalten, woran sich ein anspruchsvolles Werk in meinen Augen erkennen lässt.

Spätestens in der Danksagung wird klar, dass Boras sich hier sehr nah an ihrer eigenen Biografie bewegt und das spiegelte sich deutlich in der Authentizität der Erzählung wider. Auf zugängliche und interessante Weise habe ich so etwas gelernt über die Geschichte des Banat und damit auch des späteren Rumäniens. Nach der Lektüre hatte ich dann direkt Lust, noch mehr dazu zu recherchieren und genau dafür liebe ich Bücher.

Die feministische Komponente der Geschichte ist fein herausgearbeitet. Besonderes lobenswert finde ich jedoch, wie sich durchaus gängige Reflexionen zum gesellschaftlichen Schönheitsideal fließend verbinden mit Migrationsgeschichte, Rassismus und transgenerationaler Weitergabe. Vio ist als zentrale Figur der Gegenwart komplex und war für mich als Leserin enorm gut greifbar. Sie wird auf zwei Zeitebenen erzählt und macht so deutlich, wie ihre Kindheitserfahrungen und damit auch die Handlungen ihrer Eltern sich auf ihre eigene Mutterschaft auswirken, ohne dabei jemals scharf zu werten.

Ergänzt wird der Roman um die Perspektive Theresias, die im 18. Jhd. mit patriarchal-kirchlicher Objektifizierung und Entrechtung zu leben versucht, dabei aber auch weiblichen Zusammenhalt erfahren darf. Für ihre Kapitel habe ich eine Weile gebraucht, weil die Autorin auf jeden Fall mündige Leser*innen anspricht, die sich vom dosierten Einstreuen historischer Begriffe und Sprache nicht überfordern lassen. Dennoch schafft es Boras, stets verständlich zu bleiben und die beiden Frauen am Ende zart miteinander zu verknüpfen.

Meine einzige Kritik zielt darauf ab, dass die Wechsel der Perspektiven teils sehr rasant waren und ich einige Seiten lesen musste, bis ich verstanden habe, dass die Vio- und die Ich-Kapitel die gleiche Person an unterschiedlichen Zeitpunkten ihres Lebens betreffen. Doch insgesamt betrachtet ist das Werk sprachlich, inhaltlich und emotional so gut zusammengestellt, dass ich wirklich bereichert aus der Lektüre gehe und das Buch von Herzen empfehlen möchte.