Ein gelungenes Debüt

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„Das schönste aller Leben“ ist der Debütroman von Betty Boras. Er hat mich sehr berührt und begeistert!

Aber zunächst kurz zum Inhalt:
Vio flieht als 6-jährige mit ihren Eltern aus Rumänien nach Deutschland und tut ihr Leben lang alles um sich anzupassen, dazugehören und den Erwartungen ihrer Eltern und der Gesellschaft gerecht zu werden. Erst der tragische Unfall mit ihrer Tochter bringt zum Vorschein, welche Wunden aus ihrer Vergangenheit nicht geheilt wurden, welche Muster unbewusst durch die Erziehung und Sozialisation übernommen wurden. Vios Gedanken drehen sich nämlich ständig um die Frage nach dem Aussehen ihrer Tochter und ihrer Wahrnehmung durch Andere.
Parallel dazu lernen wir Theresia kennen, die im 18. Jahrhundert ein Leben voller Entbehrungen und Schicksalsschläge erleiden musste.
Beide Frauen entstammen der gleichen Ahnenreihe und sind durch die Themen Schönheit, Anpassung und den von der Gesellschaft ausgehenden Druck verbunden. Den historischen Kontext liefern auch die Kapitel aus der Perspektive der Benater Erde. Sie vermitteln dem Leser das Wissen um die „Banater Schwaben“ auf eine sehr zugängliche Art und Weise.

Das Buch ist unglaublich emotional und voller Schmerz. Es beschäftigt sich mit den Themen Identität, Herkunft, Mutterrolle, Schuldgefühle, Familiendynamiken und Migrationserfahrungen. Es zeigt sehr deutlich, wie man sich als Mutter überfordert fühlen kann, trotzt ungeheuerlicher Liebe für das Kind. Das Gefühl immer performen zu müssen, auch in der Mutterrolle, kann einem zum Verhängnis werden.

Auf den 240, zum Teil sehr intensiven Seiten sitzt jeder Satz, kein Wort ist überflüssig. Und zwischen den Zeilen schwingt ganz viel Gefühl mit. Betty Boras erzählt sehr dicht, teilweise provokativ und ungeschönt, welche Kämpfe Frauen seit Jahrhunderten in ihren Familien, in der Gesellschaft, aber auch mit sich selbst austragen müssen.

Mich hat diese Geschichte trotz ihrer Heftigkeit mit einem guten Gefühl hinterlassen. Es war auf jeden Fall lesenswert und ich staune immer noch, wie gut gelungen ein Debüt sein kann!