Etwas durchwachsen

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In diesem Buch bekommen wir als Leser*innen unterschiedliche Geschichten geboten und dürfen verschiedene, starke Frauenfiguren kennen. Zum einen begleiten wir die Protagonistin Vio, die wir als Kind kennenlernen, als sie kurz nach dem Sturz der Diktatur, mit ihren Eltern, aus dem rumänischen Banat nach Deutschland flieht. Der Preis des Ankommens ist es sich anzupassen und möglichst unauffällig zu bleiben. Fleiß und Schönheit sind die Währung, die sich für Vio durch ihr bisheriges Leben zieht und auch noch gilt, als sie selbst Mutter wird.

Aller Widerstände zum Trotz findet Vio ihren Platz in der Gesellschaft. Als jedoch, einige Jahre später, ihre zweijährige Tochter, bei einem Unfall Narben davonträgt, droht sie an ihren Selbstvorwürfen zu zerbrechen. Daneben gibt es noch einen Erzählstrang, bei dem man die im 18. Jahrhundert lebende Theresia kennenlernt, die einen hohen Preis dafür bezahlen muss, dass sie als begehrenswert gilt. Sie gerät ins Visier der Keuschheitskommission und wird entrechtet und verschleppt.

Insgesamt gibt es vier Erzählstränge, Vio als Kind und einmal als Erwachsene, Theresias Geschichte und Einschübe aus Sicht der Banater Erde. Letztere haben mir sehr gut gefallen. Worüber ich beim und nach dem lesen gedanklich leider stolpere sind die fehlenden Verknüpfungen der verschiedenen Stränge. Eine deutlichere Verbindung hätte mir hier sehr gefallen. Die Charaktere sind solide ausgearbeitet, aber keine von ihnen ist mir so nah gewesen und hat mich so berührt, wie ich es mir gewünscht hätte. Vielleicht war es der Tiefgang oder die Facetten, die mir gefehlt haben. Der Schreibstil von Betty Boras hat mir gut gefallen. Besonders die atmosphärischen und klugen Beschreibungen hatten mich komplett. Vielleicht fehlte mir im Verlauf deshalb etwas, weil ich in Passagen zuvor den erhofften Tiefgang und die Emotionen richtig spüren konnte.

Die Themen fand ich interessant, lehrreich, bewegend und so dargestellt, dass sie auch nach dem Lesen noch nachwirken. Ich fand die Verstrickungen zwischen den Erfahrungen von Vio’s Eltern und ihrem späteren Leben sehr gelungen eingewebt und hier konnte mich die Autorin auch mehrfach berühren. Die Thematik rund um die Narben von Vio’s Tochter und ihre Schuldgefühle habe ich, so leid es mir tut, als zu oberflächlich dargestellt empfunden und beim Kreisen um die Bewertung von Schönheit hätte ich mir manche Selbstreflektion und Erkenntnis der Protagonistin gewünscht. Eine Szene am Ende, als die Tochter nach einer Aussage der Mutter ihre Wange berührt, ging für mich in diese Richtung, aber kurz darauf war das Buch leider zu Ende.

Insgesamt lässt das Buch mich also etwas zwiegespalten, aber nicht gänzlich enttäuscht zurück. Ich fand es teils großartig und ich fand es schade, dass, für mich, in manchen Teilen, das vorhandene Potenzial nicht komplett ausgeschöpft wurde.