Hoffnung im Gepäck: Starker Debütroman über Herkunft, Schönheit und Mutterschaft
„Das schönste aller Leben“ von Betty Boras ist ein wirklich starker Debütroman!
In wechselnden Kapiteln erfahren wir die Geschichte von Vio und ihren Eltern sowie von ihrer Vorfahrin Theresia.
Vio flieht mit ihren Eltern aus dem aus dem rumänischen Banat nach Deutschland. Fleißig sein, sich anpassen, nur nicht auffallen, das ist das Wichtigste. Und Schönheit.
„Vio spürte den drängenden Wunsch dazuzugehören. Bei ihren Eltern und bei sich selbst. Immer deutlicher verstand sie, warum sie nach Deutschland ausgewandert waren: damit sie eine Zukunft hatten, eine Zukunft als Deutsche. Die Verantwortung für diesen Traum lag in Vios Händen. Es war kein hochtrabender Traum, der auf Wolken schwebte. Es war vielmehr ein Traum, der von dort herabgefallen war auf die Erde, bodenständig und geradlinig. Er war so lange beständig, bis sich das Krumme in ihn einschlich, das Hässliche, das keiner haben wollte, das nicht sein durfte. Es saß in Vios Wirbelsäule.“
Allen Widrigkeiten zum Trotz finde Vio ihren Platz im Leben und in Deutschland. Als sich ihre kleine Tochter durch einen Unfall schwere Narben zuzieht, droht Vio an den Selbstvorwürfen zu zerbrechen.
„... aber ich kann nicht aufhören zu sprechen, zu sehr lechze ich nach Absolution, einem ‘Es ist nicht deine Schuld’, auch wenn ich es nicht annehmen könnte. Denn ich war dafür zuständig, mein Kind zu schützen. Ich war die Mutter. Es ist meine Schuld.
‘Ich verstehe das nicht, ihr wisst doch sonst alles’, sagt meine Mutter. ‘Du weißt doch, wie gefährlich heißes Wasser in der Nähe von Kindern ist.’ Sie sagt es fassungslos und wie ein gebrochener Mensch, dem dieser Satz noch mehr von seiner Substanz nimmt.
Ihre Worte brennen sich in mein Herz, und ich weiß, dass dieser Vergleich meine Tochter verhöhnt. Denn meine Narben bleiben unsichtbar.“
Als die Lage sich zuspitzt, stimmt sie zu, doch eine Therapie zu beginnen.
„Ich kann den Blick von Frau Fischer nicht richtig deuten. Vielleicht ist es Enttäuschung, weil sie mich für klüger, emanzipierter, fortschrittlicher gehalten hat.
Aber jetzt bin ich nicht zu stoppen. ‘Wenn ein Kind übergewichtig ist, gibt man meistens den Eltern die Schuld. In Wahrheit aber der Mutter. Warum kocht sie nicht gesünder, beschäftigt sich nicht mehr mit dem Kind, warum meldet sie es nicht im Sportverein an? Natürlich ändert sich da etwas, natürlich werden Väter heute mehr in die Verantwortung genommen. Aber werden sie das wirklich? Wie viel Schuld trifft sie und wie viel die Mutter, wenn auf das Kind nicht gut genug aufgepasst wurde. Wo war die Mutter?, heißt es da. Oder: Ein Kind braucht seine Mutter. Viele tun so feministisch, Frauen sollen gleichberechtigt sein, klar, aber wenn es hart auf hart kommt, fallen wir doch alle in unser Schubladendenken zurück, weil wir so sozialisiert sind und es uns Sicherheit gibt. Es ist so tief in uns eingeschrieben. Eine Mutter, die nicht alles tut, um ihr Kind zu schützen, ist unvorstellbar. Eine Mutter, die es nicht geschafft hat, hat versagt.’
Ich merke, wie ich mich in Rage geredet habe, dass ich zum ersten Mal seit Langem laut geworden bin. Ich weiß nicht mehr, wie ich zu diesem Punkt gekommen bin, ob er überhaupt noch zum Thema passt. Die Worte haben sich wie von selbst eins nach dem anderen ergeben.
‘Ich weiß, dass das alles oberflächlich klingt, dass es anderen viel schlechter geht, dass Aussehen nicht alles ist, aber ich will für mein Kind das schönste aller Leben. Ich will nicht schon etwas kaputtgemacht haben, bevor es richtig losgeht.’
Dr. Fischer sagt nichts. Ich kann die Stille nicht gut aushalten, habe das Gefühl, dass ich mich weiter rechtfertigen muss für das, was ich denke.
Nach einer langen Pause fragt sie schließlich: ‘Wie wichtig war es in Ihrer Familie, was andere von Ihnen dachten?’
Darüber muss ich nicht lange nachdenken. ‘Es war das Allerwichtigste.’“
Als zweite Protagonistin lernen wir Theresia kennen. Im 18. Jahrhundert wurde sie für ihre Schönheit und ihr Verlangen bestraft. Die Wiener Keuschheitskommission (eine Art Sittenpolizei) verschleppt sie in den Banat, wo sie unter menschenundwürdigen Bedingungen harte Arbeit leisten muss. Und sie ist schwanger, was sie in noch größere Schwierigkeiten bringen könnte ...
Sehr bewegend fand ich auch die Kapitel aus der Perspektiver der Banater Erde:
„Die Letzten von euch sind 1990 gegangen, nur ein spärlicher Rest ist übrig geblieben. Wie Ratten habt ihr das sinkende Schiff verlassen, sobald sich eine Gelegenheit bot. Der Diktator war tot, und ihr wähntet eure Zeit gekommen. Wie sehr ihr euch getäuscht habt! Ja, das Leben in der Diktatur war kein Zuckerschlecken, aber ist die Regierung eines Landes das Einzige, was zählt? Sind es nicht auch seine Menschen, seine Traditionen, die Erde, aus der man gewachsen ist? Hier wart ihr jemand, ihr wart Deutsche. Man hat zu euch aufgeschaut, ihr galtet als zuverlässig, fleißig, ihr wart wer. Wofür habt ihr das aufgegeben? Ihr sagt ‘für die Freiheit’. Dass ich nicht lache. Ihr wart nie unfreier, nie weniger wert, nie missachteter als in eurer neuen Welt. Für mich wart ihr das Zentrum, dort steht ihr am Rand. Ihr seid Putzfrauen, Hausmeister, Bandarbeiter. Ihr gebt euer Bestes, aber nie ist es genug. Nicht für euch und nicht für eure Kinder. Merkt ihr denn nicht, dass sie sich für euch schämen, sich euch entfremden? Denn eins habt ihr nicht bedacht, egal, wo ihr hingeht: Ihr könnt mich nie ganz zurücklassen. Zu viele Jahre habe ich mich in euch eingeschrieben. In eure Gesichter, euren Gang, eure Aussprache. Ihr lacht zu wenig, wisst zu wenig, seid zu wenig. Hier wart ihr die Deutschen, dort seid ihr nicht deutsch genug. Ihr Lachen zeigt schönere Zähne, ihre Bewegungen sind geschmeidiger, die Wörter vertrauter. Ihr versucht euch anzupassen, aber ihr erkennt euch immer noch. Im Supermarkt, in den Arztpraxen, auf den Straßen. Es sind die beladenen Fahrräder, die ihr schiebt, der Blick auf den Boden, die aus der Zeit gefallene Sprache, Kleidung, Mimik. Ihr schart euch umeinander, gebt euch Sicherheit, Vertrautheit, Heimat. Wem nützt das Gegangensein? Euch sicher nicht. Ihr pflanzt alle Hoffnung in die, die nach euch kommen. Nicht alle werden stark genug sein, diese Bürde zu tragen.“
Insgesamt ein sehr intensiver und vielschichtiger Roman, der eine ganz klare Leseempfehlung von mir bekommt!
Vielen Dank an den hanserblau / Hanser Verlag, Vorablesen.de und NetGalley für die Rezensionsexemplare! 📚💚
In wechselnden Kapiteln erfahren wir die Geschichte von Vio und ihren Eltern sowie von ihrer Vorfahrin Theresia.
Vio flieht mit ihren Eltern aus dem aus dem rumänischen Banat nach Deutschland. Fleißig sein, sich anpassen, nur nicht auffallen, das ist das Wichtigste. Und Schönheit.
„Vio spürte den drängenden Wunsch dazuzugehören. Bei ihren Eltern und bei sich selbst. Immer deutlicher verstand sie, warum sie nach Deutschland ausgewandert waren: damit sie eine Zukunft hatten, eine Zukunft als Deutsche. Die Verantwortung für diesen Traum lag in Vios Händen. Es war kein hochtrabender Traum, der auf Wolken schwebte. Es war vielmehr ein Traum, der von dort herabgefallen war auf die Erde, bodenständig und geradlinig. Er war so lange beständig, bis sich das Krumme in ihn einschlich, das Hässliche, das keiner haben wollte, das nicht sein durfte. Es saß in Vios Wirbelsäule.“
Allen Widrigkeiten zum Trotz finde Vio ihren Platz im Leben und in Deutschland. Als sich ihre kleine Tochter durch einen Unfall schwere Narben zuzieht, droht Vio an den Selbstvorwürfen zu zerbrechen.
„... aber ich kann nicht aufhören zu sprechen, zu sehr lechze ich nach Absolution, einem ‘Es ist nicht deine Schuld’, auch wenn ich es nicht annehmen könnte. Denn ich war dafür zuständig, mein Kind zu schützen. Ich war die Mutter. Es ist meine Schuld.
‘Ich verstehe das nicht, ihr wisst doch sonst alles’, sagt meine Mutter. ‘Du weißt doch, wie gefährlich heißes Wasser in der Nähe von Kindern ist.’ Sie sagt es fassungslos und wie ein gebrochener Mensch, dem dieser Satz noch mehr von seiner Substanz nimmt.
Ihre Worte brennen sich in mein Herz, und ich weiß, dass dieser Vergleich meine Tochter verhöhnt. Denn meine Narben bleiben unsichtbar.“
Als die Lage sich zuspitzt, stimmt sie zu, doch eine Therapie zu beginnen.
„Ich kann den Blick von Frau Fischer nicht richtig deuten. Vielleicht ist es Enttäuschung, weil sie mich für klüger, emanzipierter, fortschrittlicher gehalten hat.
Aber jetzt bin ich nicht zu stoppen. ‘Wenn ein Kind übergewichtig ist, gibt man meistens den Eltern die Schuld. In Wahrheit aber der Mutter. Warum kocht sie nicht gesünder, beschäftigt sich nicht mehr mit dem Kind, warum meldet sie es nicht im Sportverein an? Natürlich ändert sich da etwas, natürlich werden Väter heute mehr in die Verantwortung genommen. Aber werden sie das wirklich? Wie viel Schuld trifft sie und wie viel die Mutter, wenn auf das Kind nicht gut genug aufgepasst wurde. Wo war die Mutter?, heißt es da. Oder: Ein Kind braucht seine Mutter. Viele tun so feministisch, Frauen sollen gleichberechtigt sein, klar, aber wenn es hart auf hart kommt, fallen wir doch alle in unser Schubladendenken zurück, weil wir so sozialisiert sind und es uns Sicherheit gibt. Es ist so tief in uns eingeschrieben. Eine Mutter, die nicht alles tut, um ihr Kind zu schützen, ist unvorstellbar. Eine Mutter, die es nicht geschafft hat, hat versagt.’
Ich merke, wie ich mich in Rage geredet habe, dass ich zum ersten Mal seit Langem laut geworden bin. Ich weiß nicht mehr, wie ich zu diesem Punkt gekommen bin, ob er überhaupt noch zum Thema passt. Die Worte haben sich wie von selbst eins nach dem anderen ergeben.
‘Ich weiß, dass das alles oberflächlich klingt, dass es anderen viel schlechter geht, dass Aussehen nicht alles ist, aber ich will für mein Kind das schönste aller Leben. Ich will nicht schon etwas kaputtgemacht haben, bevor es richtig losgeht.’
Dr. Fischer sagt nichts. Ich kann die Stille nicht gut aushalten, habe das Gefühl, dass ich mich weiter rechtfertigen muss für das, was ich denke.
Nach einer langen Pause fragt sie schließlich: ‘Wie wichtig war es in Ihrer Familie, was andere von Ihnen dachten?’
Darüber muss ich nicht lange nachdenken. ‘Es war das Allerwichtigste.’“
Als zweite Protagonistin lernen wir Theresia kennen. Im 18. Jahrhundert wurde sie für ihre Schönheit und ihr Verlangen bestraft. Die Wiener Keuschheitskommission (eine Art Sittenpolizei) verschleppt sie in den Banat, wo sie unter menschenundwürdigen Bedingungen harte Arbeit leisten muss. Und sie ist schwanger, was sie in noch größere Schwierigkeiten bringen könnte ...
Sehr bewegend fand ich auch die Kapitel aus der Perspektiver der Banater Erde:
„Die Letzten von euch sind 1990 gegangen, nur ein spärlicher Rest ist übrig geblieben. Wie Ratten habt ihr das sinkende Schiff verlassen, sobald sich eine Gelegenheit bot. Der Diktator war tot, und ihr wähntet eure Zeit gekommen. Wie sehr ihr euch getäuscht habt! Ja, das Leben in der Diktatur war kein Zuckerschlecken, aber ist die Regierung eines Landes das Einzige, was zählt? Sind es nicht auch seine Menschen, seine Traditionen, die Erde, aus der man gewachsen ist? Hier wart ihr jemand, ihr wart Deutsche. Man hat zu euch aufgeschaut, ihr galtet als zuverlässig, fleißig, ihr wart wer. Wofür habt ihr das aufgegeben? Ihr sagt ‘für die Freiheit’. Dass ich nicht lache. Ihr wart nie unfreier, nie weniger wert, nie missachteter als in eurer neuen Welt. Für mich wart ihr das Zentrum, dort steht ihr am Rand. Ihr seid Putzfrauen, Hausmeister, Bandarbeiter. Ihr gebt euer Bestes, aber nie ist es genug. Nicht für euch und nicht für eure Kinder. Merkt ihr denn nicht, dass sie sich für euch schämen, sich euch entfremden? Denn eins habt ihr nicht bedacht, egal, wo ihr hingeht: Ihr könnt mich nie ganz zurücklassen. Zu viele Jahre habe ich mich in euch eingeschrieben. In eure Gesichter, euren Gang, eure Aussprache. Ihr lacht zu wenig, wisst zu wenig, seid zu wenig. Hier wart ihr die Deutschen, dort seid ihr nicht deutsch genug. Ihr Lachen zeigt schönere Zähne, ihre Bewegungen sind geschmeidiger, die Wörter vertrauter. Ihr versucht euch anzupassen, aber ihr erkennt euch immer noch. Im Supermarkt, in den Arztpraxen, auf den Straßen. Es sind die beladenen Fahrräder, die ihr schiebt, der Blick auf den Boden, die aus der Zeit gefallene Sprache, Kleidung, Mimik. Ihr schart euch umeinander, gebt euch Sicherheit, Vertrautheit, Heimat. Wem nützt das Gegangensein? Euch sicher nicht. Ihr pflanzt alle Hoffnung in die, die nach euch kommen. Nicht alle werden stark genug sein, diese Bürde zu tragen.“
Insgesamt ein sehr intensiver und vielschichtiger Roman, der eine ganz klare Leseempfehlung von mir bekommt!
Vielen Dank an den hanserblau / Hanser Verlag, Vorablesen.de und NetGalley für die Rezensionsexemplare! 📚💚