Schönheit, Fremdheit, Banat.

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Betty Boras widmet sich in ihrem Roman „Das schönste aller Leben“ den Themen Herkunft, Schönheit, elterliche Verantwortung und Schuld und den inneren Konflikten, die sich daraus ergeben. Das Cover und der luftig-leichte Titel verheißen auf den ersten Blick einen schönen Sommerroman - doch weit gefehlt.

Im Mittelpunkt stehen zwei Frauenfiguren, Vio und Theresia, deren Lebensgeschichten durch die Zeit und über Generationen hinweg miteinander verwoben sind.
Vio kommt als Kind mit ihrer Familie aus dem Banat nach Deutschland und stößt in der neuen Fremde auf eine komplett andere Welt. Ist sie gerade noch durch die wildromantische Natur des Banats gerannt, in welcher ihre Familie viel Grund, Obstbäume und Freiheiten hatte, wohnt sie nun Wand an Wand mit fremden Menschen in einer Mietswohnung. Ihre Großeltern und Eltern kennen den ungeschriebenen "Verhaltenskodex" in vielen Kontexten nicht und unterscheiden sich dadurch immer wieder von den Familienmitgliedern ihrer Freundinnen. Als sie im Erwachsenenalter nach einem unaufmerksamen Moment mit den Narben ihrer kleinen Tochter konfrontiert wird, erschüttert sie dies zutiefst. Erneut muss sie sich ihren inneren Fragen und Dämonen nach Zugehörigkeit, Herkunft, Schuld und dem kulturell und gesellschaftlich geprägtem Bild von Schönheit stellen.
Auch Theresias Erzählstrang im Banat der Vergangenheit erzählt von Fremdheit, Entbehrung und der "Last" der Schönheit. Theresia wird beschuldigt, den Pfarrer verführt zu haben und wird zur Zwangsarbeit im Banat verschleppt. Also sie bemerkt, dass sie schwanger ist, schmiedet sie einen gewagten Fluchtplan...

Emotional haben mich vor allem Vios Passagen berührt. Die Fixierung auf die Schönheit ihrer Tochter konnte ich anfangs nur schwer nachvollziehen. Später kommt jedoch anhand ihrer eigenen gesundheitlichen Erfahrungen eine psychologische Tiefe hinzu, die gerade in der Auseinandersetzung mit der eigenen Mutterrolle sehr anrührt. Wie geht man als Eltern mit dieser Schuld um, dass das eigene Kind "entstellt" ist? Welche Privilegien verbinden wir damit, normschön zu sein und wie geht man mit Abweichungen davon um?
Der historische Teil um Theresia bleibt dagegen etwas blass. Vieles wird nur angedeutet, wodurch das reiche erzählerische Potenzial ungenutzt bleibt. Auch wirken die Figuren in diesem historischen Teil insgesamt zu wenig ausgearbeitet, um mich nachhaltig zu berühren.

Sprachlich ist der Roman eindringlich und atmosphärisch dicht, doch das Ende kam für mich etwas zu abrupt und hinterließ den Eindruck, dass einige Fäden unaufgelöst bleiben. Dennoch ist „Das schönste aller Leben“ von Betty Boras ein einfühlsam geschriebener Roman, der zu Herzen geht und den ich sehr gerne gelesen habe.