Schönheit, Schuldgefühle und innere Zerrissenheit

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kalteasche Avatar

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"Das schönste aller Leben" von Betty Boras ist ein Roman, der auf mehreren Zeitebenen erzählt wird und dadurch eine besondere Tiefe entwickelt. Im Mittelpunkt steht Vio, deren Leben wir als Kind, als junge Erwachsene während ihres Studiums und in ihrer Gegenwart begleiten. Diese Gegenwart ist geprägt von einem schweren Unfall ihrer kleinen Tochter, für den sie sich selbst die Schuld gibt.

Zusätzlich gibt es eine historische Ebene rund um Theresia, eine Vorfahrin Vios, deren Geschichte zunächst losgelöst wirkt, sich am Ende aber stimmig in das Gesamtbild einfügt.

Besonders intensiv ist die Darstellung von Vios aktuellem Zustand. Ihre Schuldgefühle und ihre innere Zerrissenheit sind beim Lesen kaum auszuhalten. Man möchte sie gleichzeitig wachrütteln und ihr Halt geben. Sie zerbricht zunehmend an ihrer psychischen Belastung, was sich auch körperlich bemerkbar macht. Als Leserin fühlt man sich emotional stark involviert und wünscht ihr dringend Hilfe, während sie selbst nicht in der Lage ist, sich diese zuzugestehen. Gerade als Mutter lassen sich ihre Gedanken und Gefühle gut nachvollziehen, auch wenn sie schmerzhaft sind.

Ein weiterer Aspekt, den der Roman sensibel anspricht, ist die Erwartungshaltung von Eltern gegenüber ihren Kindern. Es geht nicht nur um Gesundheit und Glück, sondern oft auch um äußere Vorstellungen davon, wie ein Kind sein sollte. Wenn diese nicht erfüllt werden, kann das für Eltern sehr belastend sein. Diese Thematik ist unbequem, aber ehrlich und regt zum Nachdenken an.

Am meisten berührt haben mich ganz klar die Passagen aus Vios Kindheit und Jugend, vor allem die Zeit, als sie nach Deutschland kommt. Das lag aber nicht nur daran, dass sie so anschaulich erzählt sind, sondern vor allem daran, wie sehr ich mich selbst darin wiedergefunden habe. Vieles davon kenne ich nämlich aus meinem eigenen Leben. Diese ersten Jahre, das Ankommen in einem neuen Land, das Leben bei Verwandten, die vielen Regeln im Alltag, all das kam mir extrem vertraut vor. Auch bei uns durfte der Fernseher zum Beispiel nur abends laufen, wenn bestimmte Sendungen kamen, weil sonst zu viel Strom verbraucht wurde.

Dieses ständige Gefühl, aufpassen zu müssen und sich anzupassen, hat Betty Boras richtig greifbar rübergebracht, ohne dass es sich schwer oder künstlich anfühlt.
Besonders nah ging mir auch das Thema Schule und dieses Gefühl, nicht so richtig zu wissen, was auf einen zukommt. Ich erinnere mich noch genau daran, als dieser Brief von der Schulbehörde kam und meine Eltern ihn erstmal nicht verstanden haben. Er wurde dann von Verwandten übersetzt und plötzlich stand im Raum, dass ich einen Test machen muss, um überhaupt eingeschult werden zu können. Diese Unsicherheit, diese Situation in einem fremden Raum mit fremden Menschen, das hat mich beim Lesen sofort wieder zurückkatapultiert.
Auch dieses Thema mit den Erwartungen der Eltern hat mich total abgeholt. Meine Eltern haben, genau wie Vios Eltern, großen Wert darauf gelegt, dass ich in der Schule gut bin. Schlechte Noten waren einfach keine Option. Gleichzeitig haben sie mir aber nie wirklich gezeigt, wie man lernt oder Hausaufgaben richtig macht.

Ich hatte beim Lesen immer wieder das Gefühl, dass das nicht nur Vios Geschichte ist, sondern auch ein Stück weit meine eigene. Diese Passagen haben mich deshalb auch viel mehr berührt als manches aus der Gegenwartshandlung. Nicht, weil das andere weniger intensiv ist, sondern weil hier so viele persönliche Erinnerungen hochgekommen sind. Ich musste das Buch zwischendurch sogar weglegen, weil ich so sehr in meine eigene Vergangenheit abgetaucht bin, auch in die weniger schönen Momente.
Gerade dieses Gefühl, dass man irgendwie zu einem „deutschen Kind“ werden soll, dazugehören will und gleichzeitig noch zwischen zwei Welten steht, wurde sehr treffend erzählt. Und vielleicht hat es mich genau deshalb so gepackt, weil ich weiß, wie sich das anfühlt.